Blut kann auch grün sein

Die kanadischen Ärzte konnten es kaum glauben: Ihr Patient war mit einer Durchblutungsstörung eingeliefert worden.

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Vancouver - Die kanadischen Ärzte konnten es kaum glauben: Ihr Patient war mit einer Durchblutungsstörung eingeliefert worden. Nachdem der Katheter gesetzt wurde, sprudelte grünes Blut. Dunkelgrün wie Tümpelwasser.

Der Grund war rasch gefunden: Die Verfärbung kam offenbar durch Medikamente zustande. Der unter Migräne leidende Kanadier nahm sie in großen Mengen. Schwefelatome aus dem Medikament verbanden sich mit dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin und verschoben die Farbe zum Grünschwarz, berichten die Mediziner. Ihr Sensationsfund ist dem renommierten Fachmagazin "The Lancet" eine Publikation wert. Beim Blut ist Ärzten fast die gesamte Farbpalette zwischen Rot und Schwarz bekannt. Aber Dunkelgrün? Das hat es bisher noch nicht gegeben.

"Es ist möglich, dass die wohl exzessiv aufgenommene Menge an Sumatriptan, das eine Schwefel-Gruppe enthält, bei unserem Patienten diese Sulfhämoglobinämie auslöste", schreiben die Ärzte am St Paul's Hospital in Vancouver. Mit anderen Worten: Der Schwefel seiner Migräne-Arzneien hatte sich mit dem Eisen im Blut verbunden - es färbte sich grün.

Aber es gibt auch einfachere Erklärungen für eine dunklere Blutfärbung. Krankenschwestern erkennen rauchende Blutspender am schwarzen Blut. Je schwärzer die Flüssigkeit im Beutel ist, desto mehr Zigaretten raucht er am Tag. Der 42-jährige weiße Kanadier war mit "Compartment-Syndrom" eingeliefert worden: Er hatte einen Blutstau in den Beinen. Sein Blut hatte seine dunkle Farbe wohl vom Sauerstoffmangel - eine Folge der Störung. Sauerstoffreiches Blut ist normalerweise hellrot bis orange. Das liegt am Hämoglobin, das den Sauerstoff transportiert. Vom Herzschlag angetrieben, reist es in den roten Blutkörperchen bis in die feinsten Kapillaren des Körpers. Dabei wird der Sauerstoff aufgebraucht - das Blut wird dunkelrot und in den blaufarbenen Venen über das Herz zur Lunge zurückgeführt.

Diese haben den Begriff "blaues Blut" geprägt. "Sangre azul" heißt es auf Spanisch. Gemeint sind damit, auch im Deutschen, die Adeligen. Diese waren in Spanien durch Heiraten mit nordischen Adelshäusern blasser als die Durchschnittsbevölkerung. So blass, dass die blauen Venen durch die Haut schimmerten.

Aber die Natur hat auch für echtes blaues Blut gesorgt. Hämocyanin ist der Blutfarbstoff, der bei so unterschiedlichen Tieren wie Tintenfischen, Skorpionen und Schnecken die Sauerstoffversorgung übernimmt. Diese haben ein offenes Blutsystem, das Hämocyanin schwimmt frei im Körper.

Beim Kanadier ordneten die Ärzte einen Schnitt in die Muskelhaut an, um den Blutstau zu beenden. So kam das dunkelgrüne Blut zum Vorschein.

Wäre der Kanadier einen Tag vorher zum Blutspenden gegangen, hätte er die Krankenschwestern mit seinem sauerstoffreichen, hellgrünen Lebenssaft geschockt.