Fertiggerichte verderben den Geschmackssinn

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Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, vor allem beim Essen. Doch um mitreden zu können, muss überhaupt erst mal ein Geschmacksempfinden vorhanden sein - und hier hapert es bei vielen Bundesbürgern mittlerweile gewaltig.

Bonn/Dortmund - Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, vor allem beim Essen. Doch um mitreden zu können, muss überhaupt erst mal ein Geschmacksempfinden vorhanden sein - und hier hapert es bei vielen Bundesbürgern mittlerweile gewaltig. Schuld ist laut Experten der Boom der Fertiggerichte, die oft mit zahlreichen Aromastoffen angereichert werden. "Der natürliche Geschmackssinn geht verloren, wenn jemand sich vor allem von Fertiggerichten ernährt", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn.

Vor allem Kinder gewöhnen sich schnell an die aromatisierten Produkte. So kennen sie oft zwar Erdbeerjoghurt. Der wurde aber häufig derartig mit Aromastoffen angereichert, dass echte Früchte dagegen fade schmecken. Und auch so genannte Kinderlebensmittel sind nach einer Untersuchung des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund vor allem auf süß getrimmt.

Doch der Geschmack lässt sich schulen. Dem hat sich auch die Stiftung Eurotoques verschrieben. Die Vereinigung europäischer Spitzenköche veranstaltet Seminare für Erwachsene und Kinder, um "Schritt für Schritt schmecken zu lernen", erklärt Sprecherin Daniela Gscheidle. Schüler lernen, Menüs zuzubereiten; anhand von "Geschmacksstationen" wird die Zunge der Teilnehmer mit süß, sauer, salzig und scharf bekannt gemacht. In Deutschland zählt Eurotoques rund 500 Köche als Mitglieder. Sie verzichten auf Päckchensoßen und Instantpudding, verarbeiten Regionales und setzen auf Transparenz. "Fastfood täuscht die Sinne und die menschlichen Instinkte", kritisiert Ernst Karl Schassberger, Vorsitzender von Eurotoques.

Weiter geht Jürgen Schilling aus München: "Wir sitzen doch auf unseren Geschmacksnerven", klagt der Buchautor, der auch "Abspeck-Seminare" für Kinder gibt. Er plädiert nicht nur für die Abkehr von überwürzten Speisen, sondern für ein völlig neues Essverhalten.

"Schmauen" nennt Schilling seine Methode - das Wort ist zusammengesetzt aus "schmecken" und "kauen". Kleinere Bissen sollten dabei sorgfältig, aber nicht zu lange gekaut, mit der Zunge "in fünf bis sieben Portionen" zerkleinert und dann geschluckt werden.

Das Besondere daran sei weniger das sorgfältige Zerkleinern der Nahrung, sondern das gründliche Mischen mit Speichel. Dies sollte laut Schilling geschehen, bis die Aufschließung der Kohlenhydrate einsetzt und ein "süßes Empfinden die Mundhöhle erfrischt". So werde ein säuerlicher Apfel durch genussvolles Ausschmecken schnell süß.

Entscheidend sei, dass während des "Kau- und Schmauprozesses" die jeweils schluckreifen Anteile über den Gaumen gleiten, sagt Schilling. Wer die Methode wenigstens fünf Minuten pro Tag übt, entdecke nicht nur den Geschmack vieler Lebensmittel neu - er helfe durch die "Vorverdauung" im Mund auch Magen und Darm und beuge Blähungen und Sodbrennen vor. Auf diese Weise werde man durch Sattessen schlank - und das Aromatisierte schmecke dann einfach nicht mehr, so Schilling. dpa