2400 Morde bleiben jährlich unerkannt

Wenn Gerichtsmediziner Robert Kolmaar (Ulrich Mühe) in der ZDF-Serie "Der letzte Zeuge" Leichen seziert, ist ihm eine gebannte Zuschauerschar sicher.

Köln - Wenn Gerichtsmediziner Robert Kolmaar (Ulrich Mühe) in der ZDF-Serie "Der letzte Zeuge" Leichen seziert, ist ihm eine gebannte Zuschauerschar sicher. Im realen Leben machen die meisten Menschen einen großen Bogen um das Thema. Die Zahl der Obduktionen geht dramatisch zurück, wie Rechtsmediziner, Pathologen und die Bundesärztekammer (BÄK) kritisieren. Das habe negative Auswirkungen auf den medizinischen Fortschritt, die Behandlungsqualität und - mit Blick auf unerkannte Tötungsdelikte - auch auf die Rechtssicherheit, warnen Experten.

"Nur noch acht bis zehn Prozent aller Verstorbenen werden bundesweit obduziert", sagt der Leiter der Rechtsmedizin an der Kölner Universität, Professor Markus Rothschild. Die niedrige Sektionsrate verfälsche die Todesstatistik. "Man kann ohne Obduktion nicht genau sagen, woran jemand gestorben ist", betont der Experte, der auch im UN-Auftrag Massengräber in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo untersucht hatte.

Hohe Fehlerquote bei Todesursache

In 40 bis 60 Prozent stimme die auf dem Totenschein angegebene Todesursache nicht mit der später per Sektion ermittelten Ursache überein. "Das heißt, dass sich im Mittel 50 Prozent der Ärzte irren - und zwar nicht, weil sie unfähig sind, sondern weil man einem Menschen eben nicht an der Nasenspitze ansehen kann, woran er gestorben ist", sagt Rothschild. Gerade bei älteren Verstorbenen werde oft vorschnell Herzversagen auf dem Totenschein angegeben. In der Folge rangierten Herz-Kreislauf-Versagen in der Todesstatistik zu weit oben.

Die Bundesärztekammer beklagt seit längerem, dass mit dem Verzicht auf Sektionen ein wichtiges Instrument zur Überführung von Straftätern fehle: 1200 bis 2400 Tötungsdelikte blieben dadurch einer Studie zufolge jedes Jahr in Deutschland unentdeckt. Vor allem aber habe eine geringe Obduktionsquote "weitreichende Folgen für die medizinische Qualität", führe zu hoher Fehlerzahl und verschlechtere die Aus- und Weiterbildung, da die Fähigkeit zur Bewertung schwerer und komplexer Krankheiten sinke, so ein BÄK-Papier. "So müssen sich die Patienten auf schlechtere Standards der Behandlung einstellen", erklärt Professor Robert Jütte, der die "Stellungnahme zur Autopsie" für die BÄK zusammen mit acht weiteren Experten 2005 verfasst hatte. Besonders treffe das operative Fächer wie Chirurgie und Gynäkologie, sagt der Leiter des Instituts der Medizingeschichte der Robert-Bosch-Stiftung.

Gründe für den Rückgang sind Kostendruck, Sparzwang, zeitlicher Aufwand und die Fehleinschätzungen bei den Ärzten, der Fall sei auch ohne Sektion klar. "Im Wesentlichen haben wir es mit einem ökonomischen Problem zu tun", sagt Jütte. Außerdem habe eine unklare Rechtslage zu dem Rückgang geführt. Nur Hamburg und Berlin haben eigene Sektionsgesetze, sonst verfährt jedes Bundesland unterschiedlich. Es gebe zu viele Regellücken, der Gesetzgeber greife nur über den Infektionsschutz oder das Strafrecht ein.

Tote haben keine Lobby

"Die Toten haben eben keine Lobby. Bei Themen wie Sterbehilfe oder Autopsie tut sich der Gesetzgeber schwer, obwohl die Gesellschaft diese Themen bewegen", so Jütte. Pathologe Peter Dienes sieht auch in der Einstellung der Bevölkerung, die mit dem Thema Tod möglichst nicht konfrontiert werden möchte, einen Grund für die niedrigen Obduktionszahlen. "Die Ärzte haben auch oft zu wenig Zeit, mit den Angehörigen in Ruhe über das Thema zu sprechen." Wenn aber ein Gespräch stattgefunden habe, gebe es fast nie Einwände, sagt der Direktor des Kölner Uni-Instituts für Pathologie.

"In der industriellen Produktion leisten wir uns eine Fehlerquote von fast null Prozent", so Jütte. "In der Medizin aber fehlt eine vernünftige Qualitätssicherung."