Zauberstab statt Spritze beim Zahnarzt

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Pia Heinemann

Als Magd Lina über Zahnschmerzen klagte, griff Blondschopf Michel aus Lönneberga beherzt zu Bindfaden und Türklinke.

Als Magd Lina über Zahnschmerzen klagte, griff Blondschopf Michel aus Lönneberga beherzt zu Bindfaden und Türklinke. Astrid Lindgrens Kinderbuchheld war recht pragmatisch. Aber das war auch in den 1960er-Jahren. Moderne Zahnmediziner nutzen heute Laser, Ozon oder computergesteuerte Keramikrekonstruktionen. Die Hochtechnologie ist aus Zahnarztpraxen heute nicht mehr wegzudenken.

"Vor einer Spritze braucht sich niemand zu fürchten", sagt Zahnarzt Lutz Laurisch, Prophylaxeexperte und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. "Mittlerweile gibt es den sogenannten Zauberstab, der pro Sekunde einen kleinen Tropfen Anästhetikum abgibt und gleichzeitig den Druck im Zahnfleisch misst." Das Gewebe wird langsam geflutet. Mit der Zauberspritze entsteht kein Depot, das den unangenehmen Druck aufbaut, noch wird die Wange taub. Auch ein anderer Alb der Patienten könnte bald verschwinden: Kratzende Haken, sirrende, rumpelnde Bohrer und Feilen.

Laser ersetzt Skalpell

Mit einem Laser werden heute entzündete Zahntaschen behandelt. Damit hat das Skalpell zum Aufschneiden der Zahntasche bald ausgedient. Aber Laser töten nicht nur Keime, sondern helfen auch dabei, die Größe einer Karies zu bestimmen. "Die Reflexion eines Lasers wird gemessen. Wenn wir in einem Zahnzwischenraum gar nicht genau einschätzen können, wie groß ein Karies ist, senden wir einen Laserstrahl hinein und das Gerät misst dann, wie viel Licht reflektiert wird", sagt Laurisch. "Je größer das Loch, desto weniger Licht kommt zurück."

Bei der Kariesbehandlung können mithilfe des sonst so verfemten Ozons die Bohrlöcher kleiner gehalten werden als bei der herkömmlichen Bohrmethode. Das infizierte Dentin wird mit dem Sauerstoffradikal beschossen, die schädlichen Keime sterben, und von der gesunden Zahnsubstanz muss weniger entfernt werden.

Ist eine Operation unvermeidlich, ist die Technik auch bei scheinbar nebensächlichen Details einen großen Schritt weiter. "Früher haben wir praktisch mit Nadel und Zwirn genäht", sagt Laurisch. Heute gibt es Mikronähte aus sehr feinem Kunststoff. Sie werden, anders als herkömmliche, organische Seidenfäden, nicht von Bakterien besiedelt, die Wunde heilt besser. Moderne Fäden sind zudem an das Ende der Nadel angeschweißt. Im Gegensatz zur Nähnadel muss keine verdickte Öse durch das Gewebe gezogen werden. "Dieses mikrochirurgische Nähmaterial ist allerdings sehr teuer", so Laurisch.

Computer scannt die Schadstelle

Dass die Ärzte heute so fein nähen können, liegt an fortschrittlichen Lupen, Stereoskopen und Varioskopen, am Kopf des Arztes befestigten Kameras mit Autofokus.

Auch beim Zahnersatz gibt es Neues: Beim Aufbau von Kronen, Inlays oder neuen Kauflächen mussten Patienten noch vor wenigen Jahren in eine weiche, rosagraue Silikonabdruckmasse beißen. In mühevoller Arbeit fertigten die Zahntechniker daraus das Modell für den passenden Zahnersatz. Heute geht es in bestimmten Fällen auch anders: Der Arzt scannt mit einer digitalen Kamera die Schadstelle ein. Am Computerbildschirm kann er aus einer Datenbank mit 400 verschiedenen Zahntypen den idealen Ersatz auswählen. "Das ist eine sehr hilfreiche und schnelle Sache, insbesondere wenn man in einer Zahnreihe einzelne Zähne restaurieren will", sagt Laurisch.

Eine rechnergesteuerte Fräse schleift Keramik-Inlays oder Keramikkronen innerhalb von zwei Stunden. Dadurch, dass auch die Daten der gegenüberliegenden Zähne berücksichtigt werden, passt der Biss hinterher perfekt.

Den Standardsatz beim Zahnarztwechsel "Welcher Kollege hatte Sie denn dazwischen? Da müssen wir einiges tun" wird allerdings auch die Hochtechnologie nicht ausmerzen. Ob ein Zahnarzt ein guter ist, kann der Patient nur daran erkennen, ob er Vertrauen zu ihm aufbaut und ob der Arzt viel Erfahrung in der vorgeschlagenen Therapie hat. Alle Zertifikate über Zusatzkurse bringen nichts, wenn er seine Behandlungen nicht auch in ein Behandlungskonzept integriert. Pragmatiker wie Lindgrens Michel sind zwar nicht immer die schlechtesten, aber sicherlich auch nie die besten Zahnärzte.