Giftmord: Thallium hat Arsen abgelöst

Zynisch gesehen war das russische Roulette bislang die weltweit interessanteste Mischung von Glückspiel und Tod.

Berlin - Zynisch gesehen war das russische Roulette bislang die weltweit interessanteste Mischung von Glückspiel und Tod. Jetzt gibt es einen neuen russischen Trend: den Giftmord mit radioaktiven Metallverbindungen wie Polonium. Agatha Christie ist auf diese Methode nicht gekommen - möglicherweise, weil sie so unmenschlich ist.

Die Londoner Giftmord-Geschichte ist typisch für die Fälle, die Rechtsmediziner in den letzten Jahren auf ihren Seziertischen fanden. Moderne Giftmorde haben eines gemeinsam: Die Täter sind fast alle vom Fach. Arsen? Blei? Quecksilber? Diese Substanzen klingen wie aus Großmutters Kochbuch gegenüber den modernen Rezepturen. "Giftmorde sind zwar seltener geworden", sagt Professor Wolfgang Eisenmenger, Chef der Rechtsmedizin der Universität München, "dafür kennen sich die Täter bestens im Periodensystem der Elemente aus."

Die Gifte, an denen man heute stirbt, sind andere als vor dreißig Jahren. Anfang der siebziger Jahre gingen nur zehn Prozent aller Gifttoten an Morphin zugrunde, heute sind es 71 Prozent. Einige sind veraltet. Zum Beispiel Kohlenmonoxid: Der Klassiker per Gasleitung ist längst von Gestern - denn Erdgas ist heute so zusammengesetzt, dass das tödliche Kohlenmonoxid als Abbauprodukt nicht mehr entsteht. Oder Arsen. Der Stoff riecht so verdächtig und ist so leicht nachweisbar, weshalb Mörder inzwischen lieber zu roher Gewalt als zu dem verräterischen Mittel greifen. Die letzte berühmte Arsenvergiftung geschah 1943 in einem Studentenwohnheim in Großbritannien - die Würste im Mittagessen waren vergiftet.

Stattdessen tauchen folgende Stoffe auf den Listen der Rechtsmedizin auf: Acrylamid, das Pflanzenschutzmittel E 605, Cyanid, diverse Alkaloide und Herz-Kreislauf-Medikamente. "Am beliebtesten sind Metallverbindungen", sagt Professor Fritz Pragst, Toxikologe an der Berliner Charité, "sie sind meistens in jedem Labor zu bekommen und töten erst nach einigen Tagen".

Auch das gängigste Gift der Gegenwart ist ein metallisches Element: Thallium. Der Stoff findet sich im Periodensystem nah bei Polonium und wurde zuerst auch in London vermutet, beim Mord am Ex-Geheimagenten Alexander Litwinenko. Weil das silber-weiße Metallpulver geruch- und geschmacklos ist, lässt es sich unbemerkt in Nahrung mischen. Ein Gramm Thallium genügt, um einen Erwachsenen zu töten.

Auch der DDR-Geheimdienst und Saddam Hussein sollen das Schwermetall verwendet haben. 1981 verübte ein Stasi-Mitarbeiter in Israel ein Attentat auf den DDR-Flüchtling Wolfgang Welsch. Welsch, der später mit seinem Film "Der Stich des Skorpion" berühmt wurde, aß eine präparierte Frikadelle. Er überlebte knapp. Eine Thallium-Vergiftung ist tückisch, weil Symptome erst nach 13 Tagen auftauchen: Die Haare fallen aus, Nieren und Leber versagen, und Nerven-Störungen können zum Tod führen. Thallium und Polonium wirken langsam und qualvoll.

In viel kleineren Dosen tödlich ist Ricin. Ein tausendstel Gramm tötet einen Menschen. Es stammt aus Rizinussamen, ein Gegenmittel gibt es nicht. Am 11. September 1978 stand der bulgarische Journalist Georgi Markow an einer Haltestelle in London und wartete auf den Bus. Plötzlich spürte er einen Stich im Bein. Er drehte sich um - und blickte in den Regenschirm seines Nachbarn. Drei Tage später war Markow tot. Im Oberschenkel fanden die Ärzte ein Kügelchen, so klein wie eine Zecke. Es war mit Ricin präpariert.