Schlangengift gegen Krebs, Alzheimer und Parkinson

Blitzschnell hat die Schlange zugeschlagen. Ihre spitzen Zähne durchdringen die Membran, eine Flüssigkeit läuft heraus und sammelt sich auf dem Boden des Glases.

Schladen - Blitzschnell hat die Schlange zugeschlagen. Ihre spitzen Zähne durchdringen die Membran, eine Flüssigkeit läuft heraus und sammelt sich auf dem Boden des Glases. Was hier passiert, bezeichnen Fachleute als "melken": die Gewinnung von Schlangengift. Auf Jürgen Hergerts Schlangenfarm im niedersächsischen Schladen ist das Melken reine Routine, denn davon lebt die Farm. Jürgen Hergert verkauft das Gift. Hier lebt das "Who's Who" der Giftschlangen - unter den gut 850 Tieren tummeln sich hochgiftige Klapperschlangen, Kobras, Vipern und Mambas.

Maximal sechs Mal pro Jahr könne man eine Schlange melken, sagt Hergert. Alles andere ist zu stressig. Zwischendurch brauchen die Tiere mehrere Monate Zeit zur Regeneration, sonst sinkt ihre Lebenserwartung. "Das ist wie bei uns Menschen. Wenn wir fünf Tage die Woche von morgens bis abends ohne Pause schuften, werden wir auch nicht alt."

Die Dosis macht das Gift

Hergerts Abnehmer für das kristallisierte Schlangengift sind Pharmakonzerne. "Die nutzen 30 Prozent davon für die Herstellung von Serum", sagt er. "Die anderen 70 Prozent brauchen sie für die Herstellung von Medikamenten." Denn Schlangen vergiften ihre Opfer mit zahlreichen Wirkstoffen, die Mediziner ins Schwärmen bringen. Das zugrunde liegende Prinzip hatte schon der Arzt Paracelsus im 16. Jahrhundert erkannt: Die Dosis macht das Gift. Was in großen Mengen tödlich wirkt, kann in kleineren Dosierungen durchaus heilsam sein.

Die zähflüssige Substanz aus den Giftdrüsen kann zum Beispiel das Blut verdicken. Es klumpt und verstopft die Gefäße. Für die Schlangenbeute ist das ein Albtraum, für Chirurgen dagegen ein ideales Hilfsmittel: Ein Molekül mit dieser Wirkung hilft, blutende Wunden zu verschließen. Andere Gifte bewirken das Gegenteil und verhindern die Blutgerinnung. Damit geben sie ideale Gerinnungshemmer ab und könnten bei Thrombosen und Schlaganfällen helfen. Manche Substanzen lähmen auch Muskeln und Atmung, attackieren das Gewebe oder greifen das Nervensystem an.

"Weltweit sind etwa 50 Medikamente auf Schlangengiftbasis auf dem Markt", erläutert Hergert. Sie helfen gegen Rheuma, Gelenkentzündungen oder Ischias, senken den Blutdruck, befreien verstopfte Gefäße, lindern Schmerzen und sollen sogar Tumore am Wuchern hindern. Das älteste Schlangengiftmedikament ist wohl Captopril, das einem Giftbaustein der brasilianischen Jararaca-Lanzenotter nachempfunden ist. Das blutdrucksenkende Medikament gehört zu den ACE-Hemmern.

An der TU Wien sucht die Chemikerin Martina Marchetti nach interessanten Komponenten in Schlangengiften. Die Gifte, sagt sie, bestehen aus zahlreichen Zutaten: Salze, Zucker, kleine Aminosäureketten - sogenannte Peptide - und große Proteine. Die Proteine und Peptide machen etwa 90 Prozent der Giftmischung aus, und sie sind die heißesten Kandidaten für neue Wirkstoffe. "Die Forschung konzentriert sich jedenfalls darauf, über die anderen Inhaltsstoffe weiß man noch nicht so viel", sagt Marchetti. Die Chemikerin versucht, die Strukturen der Giftproteine aufzuklären und womöglich neue, interessante Moleküle zu finden. "Die Biologie kommt erst später", sagt sie. Ob die gefundenen Strukturen einen medizinischen Wert haben, wird in anderen Labors erforscht. Marchetti sieht die Zukunft des Schlangengifts in der Behandlung von Alzheimer und Parkinson oder in der Krebsforschung.

Am Uniklinikum in Münster forscht die Arbeitsgruppe um Johannes Eble an Schlangengiften gegen Krebs. Die Forscher interessieren sich für eine bestimmte Molekülgruppe, die sogenannten Disintegrine. Womöglich, so hoffen sie, können die Disintegrine Krebszellen am Wandern und damit an der Bildung von Metastasen hindern, denn sie hemmen die Wechselwirkungen zwischen Tumor und Gewebe. Andere Moleküle in Schlangengiften verhindern, dass Signale von den Nervenzellen an die Muskeln weitergeleitet werden. Wenn Schlangen wie die Tempelviper zubeißen, wird das Opfer gelähmt, und Herz und Atmung kommen zum Stillstand.

Antifaltencreme aus der Schweiz

Diese Wirkung hat die Entwickler einer Schweizer Pharmafirma inspiriert. Sie haben eine Antifaltencreme auf der Basis des Giftstoffes Waglerin-1 entwickelt. Das künstlich modifizierte Molekül soll die Gesichtsmuskeln entspannen.

Das erinnert an den Klassiker der Schönheitsindustrie: Botox. Der Botox-Wirkstoff, das Botulinumtoxin A, stammt allerdings nicht aus den Giftdrüsen von Schlangen. "Das Gift wird von Bakterien produziert", erklärt Hans-Jürgen Bargmann von der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie. "Eigentlich findet man es in verdorbenen Konserven, und es ist schon in sehr geringen Dosierungen tödlich."

Allerdings nur, wenn es in den Magen-Darm-Trakt gerät. Schönheitschirurgen jedoch spritzen das Gift von Chlostridium botulinum ins Gewebe - möglichst dort, wo der Nerv auf den Muskel trifft. "Ein typischer Ort für eine Botox-Injektion ist der Muskel, der die Zornesfalte auf der Stirn macht", sagt Bargmann. Dort wirkt das Gift ähnlich wie Waglerin-1. Es stoppt die Signalübertragung. Selbst wenn das Gehirn den Befehl gibt, die Stirn in Falten zu legen, kann der Muskel nicht mehr reagieren.

Allerdings muss das Bakteriengift immer gespritzt werden, weil die Wirkstoffe zu groß und komplex sind, um die äußere Barriere der Haut zu überwinden. Im Prinzip gilt das auch für die wirksamen Komponenten in Schlangengiften - nicht ohne Grund injizieren Schlangen ihr Gift mit den Zähnen tief ins Fleisch des Opfers.