Start-up

Die etwas anderen Stellenvermittler

StartupCVs will das oft sperrige Bewerbungsverfahren revolutionieren

„Wir machen alles eigenfinanziert. Wir sind verrückt, aber glauben daran!“ Melikshah Ünver sitzt beim Italiener am Monbijoupark und skizziert rasant und wortreich das Konzept seiner Firma. Wie er dort hingekommen ist und wie sie groß rauskommen wollen im „War of Talents“, dem Kampf der aufstrebenden neuen Unternehmen um die klügsten Köpfe. Denn zumindest in Berlin gibt es bereits einen Engpass bei Programmierern und Internetspezialisten. Ünver und seine Brüder denken allerdings viel größer.

Die Geschichte beginnt in Reutlingen, wo 1985, 1987 und 1989 die drei Brüder Melikshah, Mengühan und Murshil geboren werden. Gleiches Gymnasium, gleiche Business School in Reutlingen, gleiches Studium: BWL und Internationales Management. Melikshah Ünver bekommt ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, ein Fulbright- und das Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, studiert und arbeitet schließlich in den USA und Großbritannien. Dann landet er bei den Beratern von BCG. 2013 mischt er beim Berliner Seriengründer Jan Beckers und dessen Hitfox-Gruppe mit.

Im November 2014 ist es dann soweit mit dem eigenen Unternehmen. Melikshah startet gemeinsam mit Marcel Poelker (vorher Rocket Internet, Payleven), den er von der Studienstiftung her kennt, und seinem Bruder Mengühan (vorher Google, Hitfox), Mcubate. Der Name steht für M hoch 3 und soll an incubate erinnern, ausbrüten. Denn das Unternehmen soll weitere Firmen entwickeln. Inzwischen sind es übrigens vier M, Murshil Ünver (vorher Google) ist jetzt auch dabei. Finanziert wird alles durch die erste Gründung: Anfang Januar startete Shah Recruiting. Die Firma sucht und vermittelt Führungskräfte für Start-ups.

Melikshah Ünver nutzt dabei seine Kontakte unter anderem aus der Zeit bei der US-Beraterfirma BCG. Allein in Berlin betreut Shah Recruiting etwa 60 Kunden, und das Geschäft läuft offenbar gut. Genaue Zahlen will der Chef nicht nennen. Das Geld reicht aber wohl erst einmal für das größte Projekt: StartupCVs, seit wenigen Monaten online und inzwischen global unterwegs.

„Ökonomischer Unsinn“

Die Idee dahinter: Mehr Effizienz bei Bewerbungen. Bisher sieht das etwa so aus: Wer Lust hat, in einem Start-up zu arbeiten, versucht, sich einen Überblick vielleicht auch abseits von den großen Namen wie Rocket Internet oder Delivery Hero oder Twitter zu verschaffen, sucht sich dann Firmen aus und schreibt 40 oder mehr Bewerbungen. Und wartet. Sehr aufwändig – und ineffizient, wie Melikshah Ünver sagt.

„Ökonomischer Unsinn“ ist aus seiner Sicht auch das klassische Verfahren auf Seiten der Start-ups. Typischerweise muss der Personal- oder Firmenchef die Anforderungen für die Stelle genau beschreiben, sie dann zum Beispiel auf verschiedenen Jobbörsen – meist kostenpflichtig – schalten und sich vier bis sechs Wochen später durch zahlreiche Bewerbungen überwiegend doch nicht ganz geeigneter Kandidaten arbeiten und schließlich wegen des guten Stils zahlreiche Absagen schreiben.

„Das können wir viel effizienter“, sagt Melikshah Ünver. Wer bei einem Start-up arbeiten will, meldet sich bei StartupCVs an, beantwortet einige Fragen zu den persönlichen Vorlieben, wie gewünschte Funktion und Arbeitsort, und lädt seinen Lebenslauf hoch. „Zwei bis drei Minuten, supersimpel“, sagt Melikshah Ünver. Dann heißt es warten, bis sich Start-ups melden. Auf der anderen Seite sucht ein Start-up einen speziellen Mitarbeiter, zum Beispiel einen Programmierer. Der Personalchef oder der Firmenchef meldet sich bei StartupCVs an, passt die Suchmaske seinen Wünschen nach an und bekommt eine bestimmte Anzahl von Kandidaten mit passendem Profil. „Die Kandidaten einzuladen und mit ihnen zu sprechen, können wir den Unternehmen allerdings nicht abnehmen“, sagt Melikshah Ünver. Allerdings erspart das Verfahren die ersten zwei Monate der Personalsuche.

Das Konzept scheint aufzugehen. Oder, wie der Firmenchef selbstbewusst sagt: „Wir stellen jetzt den Markt auf den Kopf.“ Das Wachstum des Unternehmens beziffert er auf ungefähr 50 Start-ups, die derzeit pro Woche dazukämen. Den Markt beziffern die Ünvers im Prinzip mit mehr als 500.000 Start-ups. So viele stehen auf der sogenannten Angel List des gleichnamigen US-Investorenvermittlers. „Wir konzentrieren uns auf Berlin, London, New York und das Silicon Valley, die Megahubs der Start-up-Szene weltweit“, sagt Marcel Poelker. Anfragen erreichten StartupCVs aber von überall her.

Dass das Geschäft laufen wird, sind sich beide sicher. „In der Start-up-Welt sind doch überall Ikea-Möbel und Apple-Rechner. Das ist austauschbar. Was wichtig ist, sind die Köpfe“, sagt Melikshah Ünver. Die entscheidende Frage: „Wie komme ich bei sehr schnellem Wachstum an qualifizierte Leute?“ Seine Antwort ist klar: StartupCVs.

Noch ist das Ganze kostenlos. Allerdings bekommen die Start-ups keinen unbegrenzten Zugriff auf die Lebensläufe. In der Suchmaske sehen sie nur anonymisierte Daten, bis sie sich für bestimmte Profile entscheiden. Ein Finanzierungsmodell gibt es allerdings schon. Zum Beispiel könnten die Start-ups gegen eine Pauschale eine bestimmte Menge an Lebensläufen pro Monat ansehen. Vorstellbar wäre auch, bestimmte Posten oder Personen auf der Plattform per Auktion zu vergeben. Kommt dann ein Vertrag zustande, würde eine Gebühr fällig. „Wir haben das schon getestet, aber wir wollten schneller wachsen“, sagt Melikshah Ünver.

Das klassische Modell vieler schnell wachsender Start-ups: Zulegen, auch wenn es erst einmal Verlust bringt, bis das Unternehmen eine kritische Größe erreicht hat und tatsächlich Geld verdienen kann. Der Berliner Internetmodehändler Zalando etwa ging so vor, auch die Bringdienstvermittler von Delivery Hero arbeiten nach dem Prinzip. Allerdings finanzieren sich die derzeit elf Mitarbeiter von StartupCVs, die um die Ecke in der kleinen Präsidentenstraße arbeiten, bisher mit eigenem Geld und Headhunting. Investorengeld wollen sie erst später einwerben.