Unternehmen

Manipulationen an der Stempelkarte

Bei Vapiano sollen Manager systematisch die Arbeitszeit der Angestellten geändert haben

Es ist Abend, und Patrick ist seit zehn Stunden bei der Arbeit. Der Schichtleiter in einem Vapiano-Restaurant hat einen heftigen Job: Er muss die Mitarbeiter im Blick behalten, Lieferungen annehmen, selbst mitkochen. Und jetzt, kurz vor Feierabend, sitzt er im Büro und muss die Stempelzeiten seiner Kollegen manipulieren – ihnen Arbeitszeit klauen. Auch die Stempelzeiten der Auszubildenden habe er am Computer verändert, damit es ausgesehen habe, als hätten sie die vertraglich festgelegten Arbeitszeiten eingehalten.

Schichtleiter S. hat Ende 2014 bei Vapiano aufgehört. Mittlerweile ist er aus der Systemgastronomie ausgestiegen und studiert in Leipzig. Deswegen könne er nun darüber sprechen, sagt er – im Gegensatz zu Leuten, die heute noch dort arbeiten und um ihren Job fürchten müssten. Glaubt man ihm und einem guten Dutzend weiterer ehemaliger und derzeitiger Mitarbeiter aus Süddeutschland, Hessen und Berlin, dann sollen solche nachträglichen Stundenkürzungen per Hand am Computer Usus in mehreren selbst betriebenen Läden der Kette gewesen sein.

Neue Restaurantchefs oder Schichtleiter bekämen an ihren ersten Arbeitstagen von einem Vorgesetzten erklärt, wie man die Stempelzeiten „anpasse“: hier eine Mittagspause eintragen, obwohl die nicht genommen wurde, da zehn Minuten weniger Arbeitszeit für eine angebliche Zigarettenpause. Patrick S. und fünf weitere Gesprächspartner – ehemalige Restaurantmanager, Verwaltungsangestellte, Auszubildende – haben eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Demnach haben sie entweder selbst auf Anweisung von Vorgesetzten Stempelzeiten manipuliert oder dies mitbekommen.

Angenommen, bei jedem der rund 100 Mitarbeiter eines Restaurants würden so jeden Tag zehn Minuten vom Arbeitslohn abgeknapst, würde das über ein Jahr und eine Filiale gerechnet auf gut 50.000 Euro Differenz kommen. Ein Ex-Mitarbeiter aus der Zentrale schätzt, dass etwa in einem Drittel aller Betriebe, die Vapiano selbst betreibt, so gearbeitet wird. Das wären 27 der 66 Restaurants der Kette in Deutschland. Der Rest gehört Franchisenehmern. Dort soll dies den Gesprächspartnern zufolge nicht stattfinden.

Vapiano – damit verbinden Kunden junges Publikum und Kochstationen, an denen man zuschauen kann, wie die eigene Nudelportion frisch gekocht wird. Bei jungen Erwachsenen kommt die Kette gut an, weshalb die vor rund 13 Jahren gegründete Firma schnell gewachsen ist. Doch das Unternehmen mit Sitz in Bonn hat auch eine andere Seite, über die Morgenpost im Mai berichtete. Unternehmenschef und Anteilseigner Gregor Gerlach fuhr einen ehrgeizigen Wachstumskurs. In Regionen wie Berlin häuften sich offenbar die Kundenbeschwerden über lange Wartezeiten, mangelnde Sauberkeit und sinkende Qualität des Essens. Vapiano musste gegensteuern. Ab Mitte September wird der ehemalige Douglas-Manager Jochen Halfmann die Geschäfte führen, wie das Unternehmen Anfang Juni ankündigte.

Halfmann sagt zu den Vorwürfen, Stempelzeiten würden nur dann korrigiert, wenn ein Mitarbeiter seine Karte nicht dabeihabe oder vergessen habe, sich einzustempeln. Es gebe Dienstanweisungen, die genau solche Manipulationen verhindern sollten. Er gibt zu, dass es in der Vergangenheit „einzelne Fehlverhalten“ gegeben habe, auf die Vapiano jedoch mit Abmahnungen oder „durch Trennung von der Führungskraft“ reagiert habe.