Gewerkschaften

Trotz Streiks bei Post und Kitas ist Kasse von Verdi gut gefüllt

Gefühlt vergeht kein Tag, an dem in Deutschland nicht gestreikt wird. Und wenn es nicht gerade die Piloten oder Lokführer sind, ist eine Gewerkschaft immer dabei: Verdi unter ihrem Chef Frank Bsirske.

Ob Post oder Kindergärten, Einzelhandel oder Öffentlicher Dienst, Amazon, Toys ’r’ us oder Berliner Charité, neun von zehn Arbeitskämpfen finden heute im Dienstleistungsbereich statt – gut 97 Prozent aller Streiktage entfielen 2014 auf diesen Sektor, wie die Hans-Böckler-Stiftung vorrechnet. „Allein Verdi war in mehr als 160 von Arbeitsniederlegungen begleiteten Tarifkonflikten involviert“, stellt die gewerkschaftseigene Stiftung fest.

Fragt sich nur: Wie lange kann eine Gewerkschaft solch einen Streik-Marathon durchhalten? Wie lange reicht die Streikkasse? Denn ein wochenlanger Streik von Zehntausenden Beschäftigten kostet. „Wir brechen keinen Arbeitskampf vom Zaun, wenn wir nicht wissen, dass wir ihn finanziell durchstehen könnten“, sagt Andrea Kocsis, stellvertretende Verdi-Chefin, zum laufenden Poststreik. Summen nennt sie nicht. Die Arbeitgeber wüssten dann, wie lange die Gewerkschaft den Arbeitskampf finanziell durchhalten kann.

Arbeitgeber und Öffentlichkeit sind daher auf Schätzungen angewiesen. Der zuständige Mann im Arbeitgeberlager dafür ist Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). In seinem „Gewerkschaftsspiegel“ untersucht er auch die Finanzen. Nach seinen Schätzungen haben die beiden großen Verdi-Streiks in diesem Jahr – bei Kindergärten und der Deutschen Post – tiefe Löcher in die Streikkasse gerissen. Allein der Ausstand der Postler dürfte nach seinen Berechnungen bislang rund 30 Millionen Euro gekostet haben. Hinzu kommt der rund vierwöchige Streik im Sozial- und Erziehungsdienst, der bis zu zwölf Millionen Euro gekostet haben dürfte. Mittlerweile liegt ein Schlichterspruch vor, zu dem die Verdi-Mitglieder in den Betrieben nun befragt werden.

Millionen für den Arbeitskampf

Dennoch dürfte die Streikkasse noch gut gefüllt sein, glaubt Lesch. Denn Verdi hat in den vergangenen Jahren viel Geld zurückgelegt. Seit 2012 steckt die Gewerkschaft acht Prozent ihrer Beitragseinnahmen in den Streikfonds, zuvor waren es nur drei Prozent. Bei Einnahmen von 444,4 Millionen Euro im vergangenen Jahr sind also mehr als 35 Millionen Euro in die Streikkasse geflossen. Hinzu kommen noch die Erträge aus dem Vermögen der Gewerkschaft – aus Immobilien, Anleihen und Aktien – die komplett für Streiks zurückgelegt werden. Genauere Zahlen veröffentlicht Verdi alle vier Jahre anlässlich des Bundeskongresses.

Und Streiks kosten nicht nur, sie bringen mittelfristig sogar Geld. „Mit Streiks werden neue Mitglieder gewonnen“, sagt der Gewerkschaftsexperte Klaus Dörre von der Universität Jena. „Mit steigenden Beitragseinnahmen kommt dann mehr Geld in die Streikkasse.“