Demografie

Frauen sichern Wohlstand von morgen

Neue Allianz-Studie zum demografischen Wandel: Die Folgen sind beherrschbar

Der demografische Wandel gilt als die größte gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderung unserer Zeit. Die Alterung und das Schrumpfen der Gesellschaft gefährdeten den Wohlstand einer ganzen Generation, warnt etwa Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo). Demografieforscher aus dem Allianz-Konzern kommen zu einem anderen Ergebnis: Die volkswirtschaftlichen Folgen einer alternden und schrumpfenden Erwerbsbevölkerung seien beherrschbar, heißt es in einem noch unveröffentlichten Arbeitspapier. Nötig sei aber erhebliches Umdenken in der Gesellschaft, bei Arbeitnehmern und in Unternehmen.

„Den Klimawandel aufzuhalten, scheint mir deutlich komplizierter, als mit den Folgen des demografischen Wandels zurecht zu kommen“, sagt Brigitte Miksa, Leiterin des Bereichs International Pensions bei Allianz Asset Management. „Die Deutschen und ihr Wohlstand werden nicht zwangsläufig aussterben.“ Miksa und ihre Kollegen verweisen auf zwei Möglichkeiten, die den demografischen Wandel abmildern können: Mehr arbeitende Frauen und eine längere Lebensarbeitszeit.

Frauen Gegenwärtig arbeiten Frauen seltener als Männer: Während knapp 78 Prozent aller Männer im arbeitsfähigen Alter einer bezahlten Arbeit nachgehen oder selbstständig sind, sind es weniger als 70 Prozent bei den Frauen. Verantwortlich für den Unterschied dürfte sein, dass viele Frauen nach der Geburt von Kindern mehrere Jahre zu Hause bleiben und erst später wieder arbeiten.

Die Autoren haben ausgerechnet, was es für die Volkswirtschaft bedeutete, wenn Frauen bis 2030 in gleichem Maße erwerbstätig wären wie Männer heute: Demnach würde die Erwerbsbevölkerung bis 2022 um zwei Millionen Personen steigen. Und selbst 2060 wären es immer noch knapp 1,5 Millionen Menschen mehr als heute.

„Es ist grundsätzlich realistisch, dass die Erwerbstätigenquote unter Frauen künftig genau so hoch ist wie die unter den Männern heute“, sagt Miksa. „Dafür muss den Frauen allerdings noch stärker bewusst werden, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit heute ist; auch wegen der hohen Scheidungsraten.“ Zudem müssten auch Unternehmen mehr dafür tun, dass Frauen Familie und Beruf in Einklang bringen könnten.

Bereits heute liege die Erwerbsquote bei Frauen Mitte Vierzig deutlich über 80 Prozent; der große Unterschied zwischen Männern und Frauen in der Gesamtbetrachtung rühre vor allem daher, dass die Erwerbstätigkeit unter älteren Frauen sehr gering sei.

Sollte die Erwerbstätigkeit unter Frauen tatsächlich ein ähnliches Niveau erreichen wie bei Männern heute, könne der demografiebedingte Verfall des Wohlstands aufgehalten werden: Zwar würde das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf langfristig sinken, allerdings erst nach 2024. Ohne die zusätzliche Erwerbsarbeit unter Frauen würde das BIP bereits von 2016 an sinken.

Lebensarbeitszeit: Wenn die Politik weiterhin darauf verzichte, Frühverrentungen attraktiv zu machen und zudem an der Rente mit 67 festhalte, werde die Zahl der Erwerbstätigen bis 2030 um sechs Millionen Menschen steigen, schreiben die Verfasser. Sie gehen bei dieser Berechnung davon aus, dass in 15 Jahren Menschen zwischen 55 und 64 Jahren genauso häufig arbeiten wie heute die 25- bis 54-Jährigen. Die Erwerbstätigenquote läge dann in beiden Altersgruppen bei gut 83 Prozent. Zudem gehen die Experten in ihrem Szenario davon aus, dass bis 2030 knapp 62 Prozent der Menschen im Alter zwischen 65 und 69 erwerbstätig sein werden. Gegenwärtig liegt der Anteil bei 11,2 Prozent.

Diese längere Lebensarbeitszeit verbunden mit einer stärkeren Erwerbsbeteiligung der Frauen könnte die erwartete Lücke von fünf bis sieben Millionen Arbeitskräften schließen, die Ökonomen aufgrund des demografischen Wandels erwarten. Die längere Lebensarbeitszeit würde sogar das Wirtschaftswachstum zusätzlich anschieben und der deutschen Wirtschaft bis über 2030 hinaus einen kräftigen Wachstumsschub geben.

Tatsächlich dürfte die Wirtschaft noch stärker zulegen. Denn die Allianz-Forscher haben bei ihren Berechnungen den technischen Fortschritt und Fortschritte bei der Produktivität nicht berücksichtigt. Beide Faktoren treiben das Wachstum, besonders wenn zusätzlich die Zahl der Arbeitskräfte steigt.