Demografie

Die gefährlichen Nebenwirkungen der Rente mit 63

Regelung wird seit einem Jahr kräftig genutzt. Wirtschaft fehlen Fachkräfte

Für die einen ist sie die verdiente Belohnung nach einem langen Arbeitsleben, für die anderen sozialpolitischer Populismus mit fatalen Auswirkungen: die abschlagsfreie Rente mit 63. Vor einem Jahr hat die große Koalition sie in die Tat umgesetzt – gegen den Rat nahezu aller Experten. Und die fühlen sich jetzt bestätigt.

„Seit einem Jahr gilt die Rente mit 63 – und die gravierenden Folgen sind schon jetzt unübersehbar“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. Die Betriebe täten viel, um ihre Beschäftigten durch Weiterbildung und Gesundheitsförderung möglichst lange zu halten. Doch die Erfolge der vergangenen Jahre habe die Politik mit ihrem Rentenpaket konterkariert, kritisiert der DIHK-Chef. Der verfrühte Renteneintritt von oftmals gut ausgebildeten Mitarbeitern erschwere die Fachkräftesicherung und reiße Löcher in die Rentenkasse, kritisierte Schweitzer: „Die Zeche für die Bevorzugung dieser Gruppe zahlen Betriebe, Steuerzahler und Rentner.“

Seit dem vergangenen Juli können Arbeitnehmer, die 45 Beitragsjahre vorweisen, mit 63 abschlagsfrei in den Ruhestand gehen. Zeiten der Kurzzeitarbeitslosigkeit oder der Kindererziehung werden dabei angerechnet. Das attraktive Angebot erfreut sich großer Beliebtheit: 300.000 Antragssteller zählte die Rentenversicherung bis Ende April. Die Bundesagentur für Arbeit registriert, dass es zum überwiegenden Teil die gut ausgebildeten Facharbeiter sind, die frühzeitig gehen. Schon jetzt sind laut einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) elf Prozent der Betriebe betroffen, weil Mitarbeiter bereits ausgeschieden sind oder die Unternehmen dies erwarten.

„Die Rente mit 63 verschärft den Fachkräftemangel erheblich“, sagte der Chef des Instituts der Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann. Vor allem aber gehe von dieser Maßnahme ein vollkommen falsches Signal aus. „Angesichts der demografischen Entwicklung werden die Älteren am Arbeitsmarkt dringend benötigt“, erklärt der Ökonom. Stattdessen mache ihnen die Politik ein attraktives Angebot zum vorgezogenen Renteneintritt. Die Arbeitnehmer, die jetzt vorzeitig in Rente gingen, hätten aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrungen ein ganz spezielles Know-how. „In vielen Fällen lässt sich dieser Verlust an Wissen auch nicht durch die Einstellung von jüngeren Arbeitskräften ersetzen“, sagt Zimmermann. Auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt die Rente mit 63 bereits ihre Spuren. So ging nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zwischen Juli 2014 und März 2015 um etwa 40.000 zurück. In den Jahren zuvor war der Trend ein völlig anderer. Denn vom Aufschwung am Arbeitsmarkt hatten die Älteren besonders stark profitiert.

„In den Jahren 2003 bis 2013 verzeichnete Deutschland bei der Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen von allen Mitgliedsstaaten mit Abstand die höchsten Zuwachsraten“, sagt die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser. Hatten in der Bundesrepublik im Jahr 2003 lediglich 40 Prozent dieser Altersgruppe einen Job, waren es zehn Jahre später bereits 63,5 Prozent. Unter den über 60-Jährigen kletterte die Erwerbsquote in diesem Zeitraum von 23 auf 50 Prozent. Dieser Trend wurde durch die Rente mit 63 jedoch jäh gestoppt. OECD-Expertin Queisser weist zudem auf die Folgen hin, die der Kurswechsel über die Grenzen Deutschlands hinaus hat. „Die Deutschen waren mit ihren Rentenreformen lange in einer Pionierrolle.“ Nun frage man sich in anderen Ländern, warum man Frühverrentungsregeln verschärfen sollte, wenn die Deutschen inzwischen wieder in die entgegengesetzte Richtung gingen, berichtet Queisser.