Personalien

Unbeliebter Boeing-Chef tritt zurück

Wechsel war 2016 erst erwartet worden. Nachfolger ist Rüstungsexperte

Im nächsten Jahr feiert der größte amerikanische Luftfahrtkonzern sein 100-jähriges Bestehen – mit einem neuen Vorstandschef. Boeing gab jetzt überraschend bekannt, dass der 65-jährige Jim McNerney bereits kurzfristig, zum 1. Juli, von diesem Amt zurücktritt. Dies wäre auf den Tag genau zehn Jahre nach seiner Berufung. Nachfolger wird der 51-jährige Dennis Muilenburg, der seit 30 Jahren im Unternehmen und seit 2013 rechte Hand von McNerney ist.

Viele Branchenbeobachter hatten den Wechsel an der Boeing-Spitze erst 2016 im Umfeld des Firmenjubiläums erwartet. Um einen reibungslosen Übergang zu seinem Nachfolger zu ermöglichen, werde McNerney noch bis Februar 2016 als Vorsitzender des Verwaltungsrates (Board) im Amt bleiben, teilte Boeing mit.

Der Abtritt von McNerney kommt jetzt so unvermittelt wie sein Antritt vor einem Jahrzehnt. Damals hatte Boeing eine Skandalserie zu bewältigen, und Ex-Chef Harry Stonecipher musste wegen einer Beziehung zu einer Managerin im Unternehmen plötzlich seinen Posten räumen. Jim McNerney galt als ehemaliger Manager von General Electric und Chef von 3M als idealer Nachfolgekandidat von außen.

Doch McNerney hinterlässt als Boeing-Vorstandschef eine gemischte Bilanz. Ihm gelang es zwar scheinbar, die Renditen und andere Wirtschaftskennziffern des Luftfahrtriesen zu verbessern. Andererseits gab es immer wieder Konflikte und mehrfach Streiks in der Belegschaft, die sich über den renditeorientierten Kurs des Managers beschwerten. McNerney war bei den Mitarbeitern unbeliebt. Die Gewerkschaften warfen ihm Arroganz und Geringschätzung der Belegschaft vor.

Der jetzt vor dem Rückzug stehende Manager sei ein Finanzexperte und kein Techniker, lautete ein Vorwurf. Er habe bei der Entwicklung des Modells 787 Dreamliner zu viele Arbeiten in das Ausland vergeben. Damit habe er nicht nur zu den anfänglichen Pannen des Flugzeugs beigetragen. Boeing habe auch Flugzeug-Know-how verloren. Die Rettung des 787-Programms kostete Boeing mehrere Milliarden.

Seinen Kritikern empfahl McNerney den Blick in die Zahlen. Unter seiner Regie stieg der Umsatz von 52 auf knapp 91 Milliarden Dollar. Nach anfänglichen Problemen beim 787-Modell läuft die Produktion inzwischen reibungslos. Dies trägt mit dazu bei, dass Boeing bereits im vierten Jahr in Folge mehr Flugzeuge als der Dauerrivale Airbus baut. Begünstigt durch eine besondere Bilanzierungsform weist Boeing auch höhere Renditen als Airbus aus. Nur bei den Neuaufträgen liegen die Europäer meist noch vor Boeing.

Viele offene Fragen

McNerney hinterlässt seinem Nachfolger Muilenburg zahlreiche schwierige Entscheidungen. Dazu gehörte die Frage, wann und mit welcher Technik die Nachfolgegeneration der 737-Modellfamilien kommt. McNerney-Nachfolger Muilenberg gilt bislang noch als Rüstungsexperte. Über mehrere Stufen auf der Karriereleiter hat er sich 2009 bis an die Spitze der Rüstungssparte mit 31 Milliarden Dollar Umsatz hochgearbeitet. Jetzt muss er sich auch in der Zivil-sparte beweisen.