EU

Wirtschaftsforscher warnen vor Chaos im Falle eines Grexits

Grexit oder Verbleib im Euro-Raum? Die Griechenland-Krise führt nicht nur in der Politik, am Verhandlungstisch der Troika und in der Bevölkerung zu Differenzen und Disputen. Auch in der Wirtschaftswissenschaft sind die Ansichten über den weiteren Weg von Hellas geteilt. Unter den renommierten deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten spricht sich derzeit eine deutliche Mehrheit für den Verbleib Griechenlands in der Währungsunion aus – und zwar unabhängig davon, ob die Institute tendenziell eher als neoliberal, arbeitnehmernah oder arbeitgeberfreundlich gelten.

Zu den klaren Grexit-Gegnern gehören das DIW in Berlin, das HWWI in Hamburg, das RWI in Essen und das IMK der Böckler-Stiftung, wie eine aktuelle Umfrage unserer Zeitung unter den Institutschefs ergab. Viele Forscher befürchten bei einem Grexit den Absturz Griechenlands ins Chaos. „Für die Griechen wäre es eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe, das Land könnte seine Schulden nicht mehr bezahlen, wäre massiv überschuldet, bekäme kein frisches Kapital mehr und die Armut würde steigen“, so der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Dies müsse verhindert werden.

Deutschland drohen hohe Verluste

Einige Ökonomen machen die Erfüllung von Reformen zur Bedingung für den Verbleib. „Ohne strukturelle Reformen, die es der Wirtschaft erlauben, ihre Wettbewerbsposition wiederherzustellen, ist für die EU ein Grexit vorzuziehen“, sagt der Vorstand des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH), Reint E. Gropp. Aus griechischer Sicht sei aber der Verbleib im Euro die beste Alternative.

Ganz offensiv für einen Grexit spricht sich unterdessen das ifo-Institut in München aus. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn sieht in einem Austritt Griechenlands und der Abwertung der Währung die beste Chance für ein Wiedererstarken der Wirtschaft: „Ein Staatsbankrott wird für die Griechen hart, aber der Grexit ist nach dem Bankrott die Rettung.“ Spätestens nach zwei Jahren dürfte die Wirtschaft wieder wachsen, meint Sinn. Ein Austritt aus dem Euro-Raum müsse zudem nicht für immer gelten. Die Griechen könnten in der EU verbleiben und der Währungsunion erneut beitreten, sobald sie die Bedingungen wieder erfüllten.

Die Mehrheit der Ökonomen ist jedoch überzeugt: „Ein Grexit muss verhindert werden“, sagt etwa Co-Direktor Henning Vöpel vom Hamburgischen WeltwirtschaftsInstitut (HWWI), vor allem auch mit Blick auf die Auswirkungen für ganz Europa.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, warnt, dass ein Austritt vor allem die sozial schwächsten Menschen treffe, „die Wirtschaft würde noch stärker einbrechen, die Arbeitslosigkeit steigen und Einkommen sinken“. Zudem würde auch Deutschland einen hohen Preis zahlen: „Der deutsche Steuerzahler müsste durch einen Grexit einen sehr viel höheren Verlust erleiden, als wenn Griechenland im Euro bleibt.“