Umwelt

Produzieren ohne Dreck

Das Industriegebiet Motzener Straße soll kein Kohlendioxid mehr ausstoßen. Das Netzwerk setzt ehrgeizige Ziele um

Wie verrückt ist das denn? Ein ganzes Industriegebiet so umzugestalten, dass es kein Kohlendioxid mehr ausstößt. Ein Industriegebiet mit rund 200 Unternehmen und rund 5000 Beschäftigten auf 119 Hektar Fläche, mit Maschinenbau, Kunststoffverarbeitung, Logistik. Aber ist das angesichts von Energiewende und Klimawandel überhaupt verrückt? Oder visionär? Oder muss man das einfach ganz anders sehen: Nicht nur reden, sondern handeln? Muss man nicht groß denken, um etwas zu bewegen? Und vor allem: Rechnet sich das?

Wer Ulrich Misgeld zuhört, kommt jedenfalls schnell auf den Gedanken, dass es funktionieren kann. Dass so unterschiedliche Unternehmen wie Klosterfrau, Geyer Umformtechnik, SKF und Stollwerck zu überzeugen sind, bei dem Projekt mitzumachen. Misgeld ist Chef von Selux, einem Lichtunternehmen mit Sitz im Industriegebiet Motzener Straße in Lichtenrade. Er sieht die Motzener Straße als einen Industriestandort der Zukunft. Berlin habe das Ziel bis 2050 klimaneutral zu sein, sagt er. Sie wollen schneller sein. Bisher gebe es in Berlin vor allem große Rederunden, sagt Misgeld. „Wir legen vor. Wir zeigen der Politik, was alles möglich ist.“ Und er ergänzt: „Wir sind nicht getrieben, wir treiben.“ Große Chancen sieht er darin, dass die Firmen rund um die Motzener Straße konzentriert sind und nicht weit verstreut. Das Nahziel ist jedenfalls die CO2-Bilanz bis 2020 um 40 Prozent zu verbessern.

Gemeinsame öffentliche Kita

Misgeld ist auch Vorsitzender des Unternehmensnetzwerks Motzener Straße, in dem derzeit rund 60 Unternehmen Mitglieder sind. Gestartet ist der Verein 2005 mit sieben Firmen. Das erste große Projekt war eine gemeinsame öffentliche Kita für das Gebiet mit Öffnungszeiten, die sich an den Arbeitszeiten der Firmen orientieren. Hinter dem zweiten Projekt stand 2009 die Idee, gemeinsam einzukaufen und so zu sparen, etwa bei Öl, Papier, Strom und Fortbildungen. Vielleicht ließe sich auch der Energie- und Ressourcenverbrauch allgemein verringern. Und dann tauchte die Frage auf: „Wenn wir das machen, warum dann nicht gleich die kompletten CO2-Emissionen weg?“, sagt Misgeld.

Sie sind hartnäckig vom Unternehmensnetzwerk. Drei Jahre lang haben sie versucht, Förderinstitutionen für die Idee zu begeistern, im vergangenen Jahr bewilligte das Bundesumweltministerium 42.000 Euro, die Firmen steuerten noch einmal dieselbe Summe bei und es ging los. Anfang des Jahres untersuchten die Berater von Zero Emission aus Wuppertal das Industriegebiet. Denn um den CO2-Ausstoß zu senken, sollte man erst einmal wissen, wie viel ausgestoßen wird. Und wo das CO2 herkommt.

Die Ergebnisse liegen seit kurzem vor. Insgesamt hat das Industriegebiet 2014 329.360 Tonnen CO2 ausgestoßen. Die Analyse umfasst alles – „vom Büro bis zur Werkshalle“, sagt Misgeld. Und Ursache für 62 Prozent des Treibhausgases ist Strom. Weitere 23 Prozent entfallen auf Erdgas. „Das Strom der Hauptposten ist, konnte man ahnen. Jetzt wissen wir es aber genau“, sagt Misgeld. In einem nächsten Schritt wird untersucht, welche Maßnahmen möglich wären, um das angepeilte Ziel zu erreichen.

Viele Ideen gibt es bereits, es wird sich nicht alles umsetzen lassen. Die Windräder zum Beispiel. Dann ist da noch die Idee, das gesamte Industriegebiet selbst mit Energie zu versorgen. Dafür sind drei Kraftwerke an verschiedenen Stellen nötig, drei, weil aus rechtlichen Gründen unter öffentlichem Straßenraum nur der jeweilige Inhaber der Konzession Leitungen verlegen darf. Für Berlin ist das derzeit Vattenfall. Und die Motzener Straße durchschneidet das Industriegebiet von Nord nach Süd.

Überhaupt Straße: Was ist mit Anlieferverkehr, Lastwagen und ihren Emissionen? „Autofrei? Soweit wollen wir nicht gehen“, sagt Misgeld. Aber Ausgleichsmaßnahmen dafür sollten schon möglich sein. Und dann gibt es die Idee, an der S-Bahn-Station Buckower Chaussee einen Regionalbahnhalt einzurichten. Wenn das in zehn, 20 Jahren soweit wäre, gebe es mehr Leute, die mit dem Nahverkehr kommen, ist sich Misgeld sicher. Entsprechend sinkt die Zahl der Autos. Platz für den Bahnhof vorgesehen hat die Deutsche Bahn. Das Problem: Es gibt bisher keine Gleise. Denn der Ausbau der Dresdner Bahn genannten Strecke hängt derzeit an einem Streit darüber, ob der Teil in Lichtenrade durch einen Tunnel führen soll oder nicht.

Eine andere Idee, die schon etwas weiter fortgeschritten ist, ließe sich im Süden des Gebietes verwirklichen. Dort verläuft eine Abwasserleitung der Berliner Wasserbetriebe. Und dort könnte Wärme gewonnen werden. Derzeit kämpfen sie mit dem Bezirk darum, eine sechs bis acht Meter hohe Stele aufstellen zu können, die anzeigen soll, wie viel CO2 derzeit ausgestoßen wird und wie die Menge sinkt – bis hin zu null. Doch das sind nur Streitereien am Rande.

Es ist ja nicht so, dass sich die Unternehmen bisher keine Gedanken gemacht haben. Viele haben Solaranlagen aufs Dach gestellt, gewinnen Strom aus Abwärme oder stellen Stromtankstellen auf und nutzen Elektroautos. Klosterfrau habe gerade die energetische Sanierung abgeschlossen, sagt Gabriele Isenberg-Holm, die die Geschäfte des Unternehmensnetzwerks führt. Diese Eigenanstrengungen zusammenzufassen und bekannt zu machen, sei eine Grundidee des Projekts, sagt Misgeld. „Wenn ein Unternehmen im Netzwerk darüber berichtet, was es gemacht hat, wollen die anderen das sehen.“

Vorschläge müssen sich rechnen

Das Interesse ist also da. Und die Analyse wird weitere Vorschläge bringen, wie sich der CO2-Ausstoß senken lässt. Die sollen in den nächsten Monaten durchgerechnet werden. Denn das ist der wichtigste Punkt: Kein Unternehmen wird investieren, wenn sich das nicht rechnet. Entsprechend müssen die Vorschläge gestaltet sein. Denn auch wenn der Verein das Projekt vorantreibt, kann er niemandem vorschreiben, dass er mitmacht. Misgeld und Isenberg-Holm sind aber zuversichtlich.

Schließlich ist da auch noch das Unternehmensimage, das profitiert. Einzelne Firmen seien schon im Zuge des Projekts auf Ökostrom umgestiegen, sagt Isenberg-Holm. Ein Beleg für die positive Ausstrahlung des Themas. Und natürlich sei das Ganze auch eine Werbemaßnahme, um zu zeigen, wozu moderne mittelständische Industrie fähig sei, ergänzt Misgeld.

Der Maßnahmenkatalog soll im Herbst vorliegen, dann will sich der Verein um Fördergeld kümmern. „Wir hoffen, dass das Projekt dann auch interessant für große Energieversorger ist“, sagt Misgeld. Zweifel, dass es nicht funktioniert? Eher nicht. Vielleicht ist der Zeitplan etwas ambitioniert. Aber Isenberg-Holm sagt: „Das Projekt voranzutreiben setzt schon ein gewisses Beharrungsvermögen voraus.“