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So holt man peinliche E-Mails zurück

New Yorker Start-up Criptext bietet das Löschen von heiklen Informationen an

Schnell den E-Mail-Betreff getippt, in der Adresszeile ergänzt das Mail-Programm von „Mü“ automatisch auf Müller, auf „Senden“ geklickt, und gerade noch rechtzeitig geht die Nachricht mit dem Angebot an den Kunden Müller raus. Oder? Uuups – blöderweise hat das Programm den falschen Müller aus dem Adressbuch rausgesucht. Und der arbeitet inzwischen bei der Konkurrenz.

Fast jeder Nutzer von E-Mails kennt diese Situation: Versehentlich wird in Eile die falsche Mail-Adresse eingegeben, und schon geht die Nachricht mit den sensiblen Informationen oder dem peinlichen Text an den falschen Adressaten raus.

Und E-Mails lassen sich nicht zurückholen – einmal versandt liegt sie in der Inbox des Adressaten. Das New Yorker Start-up Criptext will dieses E-Mail-Dilemma lösen: Zumindest die Inhalte einer Mail sollen Criptext-Nutzer künftig auch nach Versand löschen können.

Der Trick: Criptext verwandelt einen E-Mail-Text in ein Abbild, das auf dem Server des Start-ups hinterlegt wird. Von dort aus werden die Mail-Inhalte dem Adressaten wieder angezeigt – die Mail in seinem Postfach enthält nur einen Link zu diesem Abbild, der vom Mail-Programm automatisch geladen wird.

Criptext-Nutzer können nun im Nachhinein dieses verschlüsselte Abbild wieder von den Criptext-Servern löschen. Öffnet der Adressat nun die Mail, sieht er nur einen Hinweis, dass sein Link nicht mehr funktioniert und der Inhalt der Mail gelöscht ist.

Die Criptext-Funktion können Nutzer von Googlemail als Plug-in für Google Chrome installieren. Dann können sie bei jeder E-Mail ein kleines Criptext-„Enabled“-Häkchen vor dem Versand ankreuzen – und anschließend über den roten „Recall“-Button jede versendete Mail wieder zurückholen.

Noch befindet sich das Criptext-Plugin im Beta-Stadium, funktioniert nur im Chrome-Browser. Doch das Start-up, das die Idee erstmals im vergangenen Monat in New York vorstellte, konnte gerade in einer ersten Finanzierungsrunde 500.000 Dollar von Investoren einsammeln und will sein Angebot ausweiten. Der Criptext-Ansatz hat den Vorteil, dass der Mail-Empfänger nicht ebenfalls etwas installieren muss – der Link in Criptext-Mails soll mit allen gängigen E-Mail-Clients funktionieren. Zudem bleiben die verschlüsselten Mail-Inhalte gegenüber den Mail-Anbietern wie Google verborgen. Auch können Nutzer Mails mit einer Art Verfallsdatum versehen: Nach Ablauf eines zuvor vom Absender festgelegten Zeitraums löscht Criptext die Mail-Inhalte automatisch. Kontrollfreaks können zudem kontrollieren, wann und wie oft der Adressat die Inhalte abgerufen hat.

Doch die Criptext-Methode hat auch Haken: Erstens sieht der Empfänger auch nach einem Rückruf eine Mail mit Betreffzeile in seinem Postfach – auch wenn diese dann dank Criptext leer ist, kann das je nach Adressat und Betreff zu peinlichen Fragen führen. Zweitens müssen die Anwender dem jungen Start-up ihre Mail-Inhalte anvertrauen – für Firmennutzer dürfte das angesichts strenger Compliance-Richtlinien oft unmöglich sein. Drittens müssen die Nutzer sich auch daran erinnern, das „Enabled“-Häkchen auch zu verwenden. Wer des Öfteren zu schnell auf „Senden“ klickt, kann zumindest bei Googlemail auch eine interne Rückholfunktion aktivieren. Die heißt „Undo“, funktioniert aber nur zehn Sekunden lang nach dem Klick auf „Senden“ – so lange verzögert Googlemail den Versand der E-Mail.