Tarifkonflikt

500.000 Arbeitstage sind wegen Streik ausgefallen

Arbeitskampf bei der Post ausgeweitet, Bahnkonflikt in entscheidender Phase

Kita-Erzieher, Metaller, Briefzusteller, Lokführer: So viel wurde in Deutschland schon lange nicht mehr gestreikt. Laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind in diesem Jahr schon rund 500.000 Arbeitstage durch Streiks oder Warnstreiks ausgefallen. Das sind dreimal so viele Ausfalltage wie 2014 und der höchste Wert seit 1993, hatte die „Bild-Zeitung“ am Montag berichtet. Damals waren im Gesamtjahr 593.000 Ausfalltage registriert worden.

Für die hohen Zahlen haben vor allem die Großgewerkschaften IG Metall mit Warnstreiks in der Metallindustrie und Verdi mit dem Arbeitskampf in den Kitas gesorgt, erläuterte IW-Tarifexperte Hagen Lesch. Die Dauerstreiks der Lufthansa-Piloten und der Bahn-Lokführer fielen wegen der geringen Zahl der Streikenden nicht so stark ins Gewicht.

Auf weniger Streiks in der zweiten Jahreshälfte sollte auch niemand setzen. Lesch verwies auf den Arbeitskampf bei der Post und die in der Schlichtung steckenden Konflikte bei Lufthansa, Bahn und zu den Erziehungsberufen. 2015 könnte nach 1992 (1,5 Millionen ausgefallene Arbeitstage) das härteste Streikjahr seit der Wiedervereinigung werden.

Während die Arbeitsniederlegungen des Kita-Personals vorerst beendet sind, weil während der begonnenen Schlichtung Friedenspflicht herrscht, komme mit jedem weiteren Streiktag bei der Deutschen Post „eine fünfstellige Summe an Ausfalltagen hinzu“, so Lesch. Inzwischen befinden sich laut Verdi-Angaben vom Wochenende rund 19.000 Beschäftigte der bundesweit 83 Briefsortierzentren und der Zustellung im Dauerstreik. Rund 1000 weitere Beschäftigte der Paket- und Briefzustellung seien zum Arbeitskampf aufgerufen worden, teilte Verdi am Montag in Berlin mit. Die Gewerkschaft rief die Post zu einem „umfassenden Kompromiss“ auf.

Nach Konzernangaben kann es weiterhin bundesweit zu Verzögerungen bei der Brief- und Paketzustellung kommen. Rund 85 Prozent der Briefe und rund 75 Prozent der Pakete würden aber pünktlich zugestellt. Am Montag waren dem Unternehmen zufolge vor allem die Regionen Berlin, Hamburg und Nürnberg von dem Ausstand betroffen. Es würden Hunderte Aushilfskräfte eingesetzt, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Verdi hatte vor einer Woche einen unbefristeten Streik begonnen.

Die Gewerkschaft wehrt sich vehement gegen die Gründung von regionalen Gesellschaften für die Paketzustellung. Darin werden die Mitarbeiter nicht nach dem Haustarif für die Post bezahlt, sondern erhalten das niedrigere Gehalt der Speditions- und Logistikbranche.

Schlichtung bei Lokführern endet

Verdi sieht dies als Verstoß gegen frühere Vereinbarungen mit dem Logistikkonzern und kündigte im Gegenzug den Tarifvertrag zu den Arbeitszeiten. In den deshalb eingeleiteten Gesprächen will sie das Bonner Unternehmen mit einem „Gesamtpaket“ zum Einlenken bewegen. Die Rückabwicklung der Regionalgesellschaften und die Verlängerung von Schutzregeln bilden den Kern. Verdi fürchtet, dass das Outsourcing im Paketbereich nur den Anfang darstellt und künftig ausgeweitet werden soll.

Die Post verteidigt die Ausgliederung von rund 6000 Paketzustellern in Regionalgesellschaften als dringend notwendigen Schritt, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens auf dem rasch wachsenden Paketmarkt zu sichern. Das Lohnniveau im hauseigenen Tarifvertrag sei doppelt so hoch wie bei den Mitbewerbern, womit die Post auf „mittlere Sicht“ nicht länger mithalten könne. Das von der Gewerkschaft vorlegte Paket nannte der Konzern „völlig unzureichend“, die unbefristeten Streiks seien „unverhältnismäßig“ und „destruktiv“.

Die Schlichtung im Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) geht dagegen in die entscheidende Phase. Bis Mittwoch wollen beide Seiten zu einem Ergebnis kommen. Bis dahin sind neue Streiks ausgeschlossen. Als Schlichter eingesetzt sind der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und der frühere brandenburgische Regierungschef Matthias Platzeck (SPD). Für die Dauer des Verfahrens wurde Vertraulichkeit vereinbart.