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Anstoß am Alex

Französischer Sportartikelhersteller Decathlon will in Berlin Hunderte Arbeitsplätze schaffen

Meist ist der Name nur Frankreich-Urlaubern bekannt: Decathlon. Jetzt schickt der Sportartikelhändler aus dem nordfranzösischen Lille sich an, den Berliner Markt aufzumischen. Ein Markt, den bisher die drei Branchengrößen Intersport, Karstadt Sport und Sportscheck dominieren. Start ist am 19. Juni am Alexanderplatz.

Thomas Zielke blickt in die Tiefe des Raumes. Wo bis vergangenes Jahr noch Autoteile verkauft wurden, stehen jetzt überall Paletten, junge Menschen mit Notebooks, Regale – viele bereits mit Waren bestückt, andere gerade erst aufgestellt. Mit etwas unter 6000 Quadratmetern Verkaufsfläche etwas kleiner als ein Fußballfeld, die Wände und Säulen anthrazitgrau – seine Filiale.

Der Franzose Zielke ist seit Dezember in der Stadt, um den Standort aufzubauen. Vorher hat er die Filiale in Bad Kreuznach geleitet, ein eher beschaulicher Ort verglichen mit der deutschen Hauptstadt. Davor war er in Frankreich. Bereut hat er den Umzug bisher nicht, trotz der Arbeit. „Super spannend, super interessant.“ Die vergangenen Monate hat Zielke sich intensiv mit dem Berliner Sportmarkt beschäftigt, den Vereinen, Trends, was der Berliner so in seiner Freizeit macht. Roller fahren und Skaten zum Beispiel. „Sieht man hier überall auf den Straßen.“ Danach hat er ausgewählt, was in der Filiale verkauft wird. Denn auf der Fläche im ersten Stock der Rathauspassagen lässt sich nicht alles anbieten, was der Konzern zu mehr als 70 Sportarten im Sortiment hat.

Eigenmarken im Fokus

Zunächst: Wer ist Decathlon? Das Unternehmen startete 1976 als Sportgeschäft in Englos nahe Lille. Im vergangenen Jahr betrieb der Konzern 909 Filialen weltweit und setzte mit mehr als 65.000 Beschäftigten rund 8,2 Milliarden Euro um. Das Unternehmen ist immer noch in der Hand der Gründerfamilien – und der Mitarbeiter. In Deutschland gibt es 23 Filialen, doch es sollen mehr werden – auch in Berlin.

Das Besondere: Decathlon setzt sehr stark auf seine 20 Eigenmarken. Es werde auch am Alexanderplatz die allgemein bekannten Marken zu kaufen geben, sagt Lutz Mattelson, Expansionsleiter des Konzerns für Berlin und Brandenburg, 75 bis 80 Prozent sollten aber schon Eigenmarken sein. So sei es bereits in den anderen Geschäften in Deutschland. Ziel sei, mittelfristig nur eigene Produkte zu verkaufen.

Decathlon hat ein eigenes Forschungszentrum, das die Waren entwirft – etwa ein Zelt, das in eine handliche Tasche passt und sich in zwei Sekunden aufstellen lässt, oder die Tauchmaske mit eingebautem Schnorchel ohne Mundstück. Der Konzern kontrolliert neben Forschung und Entwicklung auch die Produktion, die Logistik und den Verkauf der Produkte. Ein Grund für die im Vergleich zu Spitzenmarken wie Adidas, Nike oder Puma günstigeren Preise. Zwanzig Eigenmarken unter anderem für Wassersport oder Outdoor gibt es inzwischen.

Es gibt die Klassiker Klettern, Fußball, Radfahren zum Beispiel, es gibt Angeln, Schwimmen, Wandern. Und es gibt Exoten. „Kennen Sie Padel?“ fragt Zielke. „Eine Sportart aus Spanien und Südamerika, eine Kreuzung aus Tennis und Squash. Da gibt’s hier einen Verein.“ Und in seiner Filiale jetzt auch Zubehör. Das sei schon eine Nische, aber: „Decathlon will allen den Zugang zum Sport ermöglichen.“ Eben auch zu eher unbekanntem.

Die Filiale am Alexanderplatz ist eher ein Exot im Decathlon-Universum: Üblicherweise errichtet das Unternehmen eine ebenerdige Halle mit bis zu 8000 Quadratmetern Fläche, die für das gesamte Decathlon-Angebot mindestens nötig sind. Die Halle muss mit dem Auto gut erreichbar sein, etwa nahe einer Autobahnabfahrt. Neben dem Gebäude entsteht dann noch ein sogenannter Sportpark, frei zugänglich, mit Basketballkörben, Toren, Skatemöglichkeiten sowie ein Parkplatz. Die erste Berliner Filiale ist etwas kleiner, liegt im ersten Stock und ein Sportpark ist aus baulichen Gründen nicht möglich. Und ein Autobahnanschluss fehlt ebenfalls. Dafür liegt sie sehr zentral.

Und es wird weitere Filialen in Berlin geben. Expansionsleiter Mattelson sagt, der zweite Markt sei schon geplant. Weitere sollen folgen. Langfristig wolle Decathlon im Raum Berlin 1500 bis 1700 Arbeitsplätze schaffen und plant auf lange Sicht 100 bis 120 Millionen Euro für den Kauf geeigneter Grundstücke auszugeben. „Wir bauen gern selbst“, sagt Mattelson. Und im Ausbauplan rechnet das Unternehmen jährlich mit bis zu 50 Millionen Euro für Dienstleistungsfirmen aus der Region, etwa für Sicherheitspersonal und Grünflächenbetreuung. Die erste Berliner Filiale startet mit 60 Mitarbeitern.

Warum Decathlon erst jetzt in Deutschland groß expandiert, wo doch die erste Auslandsfiliale überhaupt in Dortmund eröffnete, erklärt Mattelson unter anderem damit, dass die Strategie des Unternehmens an die Entwicklung des Einzelhandels, aber auch an die vergleichsweise komplizierte baurechtliche Situation in Deutschland angepasst werden musste. Decathlon hat mit dem Baurecht in Deutschland offenbar mehr Schwierigkeiten als in anderen Ländern. Zum Beispiel in Berlin. Jedenfalls bemühte sich das Unternehmen nach eigenen Angaben mehrere Jahre um das Zwischenpumpwerk der Berliner Wasserbetriebe an der Landsberger Allee, konnte sich aber nicht durchsetzen. Das ist am Alex anders.

„Wir füllen eine Lücke“

Nach der Strategieänderung wird jetzt kräftig in Deutschland investiert, dem größten Sportmarkt in Europa. 2014 eröffneten die Geschäfte in Mannheim und Hofheim-Wallau bei Wiesbaden, neben Berlin sollen Leipzig und Hückelhoven in Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr folgen. Es gibt einen Onlinehandel. Wenn ein derart großer Anbieter auf den Markt drängt, dürfte das den Wettbewerb verschärfen und den ein oder anderen zum Aufgeben zwingen. Mattelson sieht das nicht so. Er behauptet: „Wir füllen eine Lücke. Wir haben 20 Eigenmarken mit innovativen Produkten zum besten Preis-Leistungsverhältnis: Somit besetzen wir das vom Preis her untere Segment.“