Personalien

Kredit verspielt

Das Führungsduo der Deutschen Bank hinterlässt eine durchwachsene Bilanz. Investoren wünschen Neuanfang

Ein Kleinaktionär hatte es bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank im Mai geradeheraus und in der Muttersprache des Co-Chefs des Instituts formuliert: „Mr. Jain, please take your hat!“ Und genau das tut Anshu Jain nun wirklich. Am Sonntag wurde sein gemeinsamer Rückzug mit Co-Chef Jürgen Fitschen aus der Bank bekannt: Jain geht bereits im Juni, Fitschen bleibt noch ein weiteres Jahr. Die Bilanz der Amtszeit der beiden ist durchwachsen, der Kredit an Vertrauen, das ihnen die Investoren entgegenbrachten, restlos aufgebraucht.

Neuer Chef wird der bisherige Aufsichtsrat John Cryan. Der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner nannte den Briten „die richtige Persönlichkeit zur richtigen Zeit“. Die Neuaufstellung der Spitze beschloss der Aufsichtsrat den Angaben zufolge am Sonntag in einer außerordentlichen Sitzung. Cryan wird ab 1. Juli Co-Vorstandschef an Fitschens Seite. Nach dessen Abschied bei der Hauptversammlung am 19. Mai 2016 führt Cryan den Vorsitz allein.

Bereits vor wenigen Wochen hatte Achleitner einen neuen Treueschwur für die nun scheidenden Vorstandschefs vermieden und sich stattdessen auf die Formulierung zurückgezogen, jeder sei ersetzbar. Laut Angaben der Bank ist der Co-Chef aber nicht von Achleitner zu dieser Entscheidung gedrängt worden, sondern aus freien Stücken gegangen. Er habe einfach nicht mehr gewusst, was er tun soll, um den Widerstand gegen seine Person zu brechen, sagte ein hochrangiger Banker. Daraufhin sei wohl auch für Fitschen klar gewesen, dass er geht. Der Aufsichtsrat soll ihn daraufhin gebeten haben, noch ein weiteres Jahr im Amt zu bleiben, um einen besseren Übergang zu ermöglichen. Die Verträge der beiden wären eigentlich noch bis Ende März 2017 gelaufen.

Misstrauen der Aktionäre

Ausschlaggebend war wohl das Misstrauen gewesen, das die Aktionäre der Führungsspitze bei der Hauptversammlung entgegengebracht hatten und das ein weiteres Durchhalten der beiden immer schwieriger machte. Dort erhielten die beiden Co-Chefs eine sensationell niedrige Zustimmung von 61 Prozent. Normal sind Zustimmungsquoten von 95 Prozent. Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment – einem der 20 größten Investoren der Deutschen Bank – begrüßte den Wechsel: „Der Aufsichtsrat zieht die Konsequenzen aus dem Abstimmungsdesaster auf der Hauptversammlung. Die Entscheidung für John Cryan kommt nicht überraschend.“

Dabei hatten die beiden bis zuletzt versucht, die Gunst ihrer Aktionäre zurückzugewinnen. Mit einer neuen Strategie, die die Trennung von der Postbank und eine gewisse Schrumpfkur für die Investmentbank vorsah, wollten sie das Ruder rumreißen. Doch damit stürzte das Institut endgültig ins Chaos: Privatkundenvorstand Rainer Neske nahm seinen Hut, weil er diesen Schritt nicht mitgehen wollte. Und auch die Investoren überzeugte die neue Strategie wenig. Sie kritisierten vor allem die zu hohen Kosten, die die beiden Co-Chefs nicht in den Griff bekamen. 2012 hatten sie angekündigt, die jährlichen Kosten um 4,5 Milliarden zu senken, doch das Verhältnis von Kosten zu Erträgen ist noch weit von der Zielmarke von 65 Prozent entfernt. Im ersten Quartal lag es bei erschütternden 84 Prozent, auch wenn diese Zahl durch Strafzahlungen für Zinsmanipulationen beeinflusst ist.

So gab die Bank zuletzt ein alarmierendes Bild ab. Die Aktionäre waren frustriert ob der mäßigen Rendite. Und die Öffentlichkeit entsetzt von einer Skandal- und Affärenserie, die nicht abreißt. Dazu zählt nicht nur, dass sich Co-Chef Jürgen Fitschen wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht verantworten muss. Hinzu kam, dass vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass das Institut im Zinsskandal eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar abdrücken muss. Die Kritik der Regulierer fiel deutlich aus: „Über Jahre haben Mitarbeiter der Deutschen Bank rund um den Globus illegal Zinssätze manipuliert“, erklärte das US-Justizministerium. Die britische Finanzaufsicht FCA monierte zudem, das Institut habe die Ermittler in die Irre geführt und sei unkooperativ gewesen. So brauchte die Bank offenbar zwei Jahre, um Tonbänder auszuhändigen, auf denen fragwürdige Absprachen einzelner Händler dokumentiert sind. Das lässt den Kulturwandel, den sich das Institut verordnet hat, unglaubwürdig erscheinen.

Die Deutsche Bank gelobte Besserung und betonte offiziell, dass kein gegenwärtiges oder ehemaliges Vorstandsmitglied von den Tricksereien wusste. In informierten Kreisen heißt es aber, dass auch der Libor-Skandal Ausschlag für Jains Rückzug aus der Bank war. Immer wieder habe die Frage an dem Führungsduo genagt, wer in welcher Form die Verantwortung dafür trägt. Schließlich habe sich Jain dafür entschieden, da er für das Investmentbanking zuständig gewesen war und diesen Schritt gehen wolle. Er wollte nicht zur Belastung werden.

„Eine große Ehre“

Nun soll ein Neuanfang unter John Cryan möglich sein: Er ist seit 2013 Aufsichtsratsmitglied und dort unter anderem Vorsitzender des Prüfungsausschusses. 2008 bis 2011 war der 54-Jährige Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS, später Europa-Präsident des Staatsfonds von Singapur.

Nun Deutsche-Bank-Vorstandschef zu werden, sei „eine große Ehre“, erklärte Cryan. Die Zukunft des Hauses hänge davon ab, „wie gut wir unsere Strategie umsetzen, unsere Kunden überzeugen und die Komplexität reduzieren“. Aufsichtsratschef Achleitner attestierte Cryan „große Erfahrung im Bank- und Finanzgeschäft“. Außerdem stehe der designierte Vorstandschef „persönlich und beruflich für die Werte, die nötig sind, die Deutsche Bank voranzubringen und die Strategie 2020 erfolgreich umzusetzen“.