Verbraucher

Digitales Dösen

Seit fünf Jahren gibt es den elektronischen Personalausweis. Doch die Bürger lassen von der Online-Funktion die Finger. Genau wie die Wirtschaft

Das Thema war wichtig genug, um gleich zwei Bundesminister auf den Plan zu rufen. Stichwort: i-Kfz! Die Deutschen könnten ihre Fahrzeuge jetzt ganz bequem online abmelden, verkündeten Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Innenminister Thomas de Mazière (CDU). Wer sein Auto stilllegen möchte, brauche sich dazu nur mit seinem elektronischen Personalausweis im Internet zu identifizieren, schon könne es losgehen. „Ein Meilenstein“, so die Minister stolz. Die Nachricht: Es geht voran mit der digitalen Revolution.

Wie das seit Jahresbeginn freigeschaltete und angeblich für Autohändler besonders praktische i-Kfz in der Praxis läuft, weiß Achim Fürst, Mitarbeiter der Kommunalgesellschaft KommWis in Mainz, die die elektronischen Behördengänge für die rheinland-pfälzischen Kommunen zentral abwickelt. Die Daten von 3,5 Millionen Einwohnern laufen bei ihm zusammen. Wenn in Rheinland-Pfalz ein Bürger seinen elektronischen Personalausweis mit dem Computer verbindet und sein Auto online abmeldet, wird auf Fürsts Rechner ein Vorgang sichtbar. Das Bundesland ist Vorreiter beim „E-Government“ und Top-Referenz des Bundesinnenministeriums, und Fürst wirkt begeistert von dem, was er tut. Umso mehr windet er sich bei der Frage nach den Nutzerzahlen. „Zahlen zu nennen, wäre vielleicht etwas kontraproduktiv. Da ist ja auch das Problem mit den Lesegeräten ...“ Dann befragt er doch seinen Computer: „Im April hatten wir vier Vorgänge.“ Kurze Pause. „Nein, es waren sogar fünf.“

Jeder Dritte ist freigeschaltet

Seit bald fünf Jahren gibt es den neuen Personalausweis „nPA“. Die amtliche Chipkarte steckt schon in den Brieftaschen von 35 Millionen Deutschen. Für die Nutzer der ersten Stunde ist die Gültigkeitsdauer des Pflichtdokuments damit schon fast halb rum. Doch wo sind die hochgepriesenen Online-Funktionen, die den Personalausweis zu einer Art Personenschützer im Internet machen sollte, der bei Einkäufen und anderen Betätigungen im Netz vor Identitätsdiebstahl und Missbrauch schützt, der Behördengänge erspart und das ständige Ausfüllen von Formularen und das Memorieren kryptischer Passwörter? Der E-Perso sollte der Generalschlüssel für das digitale Zeitalter sein. Doch für die meisten Deutschen ist er nur eine profane Plastikkarte, die sie vorzeigen, wenn sie müssen.

„Es lägen keine konkreten Zahlen zur Nutzung der Online-Funkion vor“, teilt das Bundesinnenministerium auf Anfrage mit. Nach „Schätzungen“ sei bei rund jedem dritten Personalausweis die Online-Funktion freigeschaltet. Dies verdeutliche „das Potenzial, das Anbieter von eID-Diensten sich mittlerweile erschließen können“, heißt es zu der Tatsache, dass zwei von drei Bürgern lieber von vorneherein darauf verzichten, mit ihrem Ausweis ins Netz zu gehen. Der wegen der gespeicherten Daten anfangs beargwöhnte E-Perso scheint für viele also immer noch ein Datenschutzrisiko zu sein.

Das Marktforschungsunternehmen GfK hat für die Berliner Morgenpost eine repräsentative Umfrage durchgeführt zu der Frage, wie die Deutschen es mit dem neuen Personalausweis halten. Ergebnis: Unter jenen, die das Dokument besitzen, haben 85 Prozent die Online-Funktion (eID) in den vergangenen zwölf Monaten gar nicht genutzt. 9,3 Prozent gaben an, den Ausweis für Behördengänge genutzt zu haben, nur 7,9 Prozent der Besitzer des elektronischen Personalausweises verwendeten diesen für kommerzielle Anwendungen im Netz. Die digitale Revolution scheint an der Basis noch nicht angekommen zu sein.

„Der neue Personalausweis leidet bis heute unter seinen Geburtsfehlern. In vielen Bürgerämtern wurde den Leuten ja sogar empfohlen, die Online-Funktion besser nicht freizuschalten“, sagt Pablo Mentzinis vom Fachverband Bitkom. Eine mangelnde Schulung von Behördenmitarbeitern, fehlende Öffentlichkeitsarbeit und eine anfangs nicht bedienerfreundliche App hätten dazu geführt, dass ein an sich sinnvolles Projekt von vorneherein in das falsche Fahrwasser geraten sei. Nun stecke der neue Personalausweis im Henne-Ei-Dilemma fest. Das Interesse der Wirtschaft bleibe gering, solange die Nutzerzahl niedrig sei. Die Nutzung bleibe aber gering, solange die Wirtschaft keine Angebote schaffe. Nach Beobachtung des Experten scheitere die Personalausweisnutzung schon daran, dass kaum jemand einen Kartenleser zur Hand habe. Tatsache ist, dass sich mit der amtlichen Chipkarte im Netz auch im fünften Jahr ihrer Existenz kaum etwas anfangen lässt. 55 kommerzielle und 109 behördliche Dienste haben beim Bundesverwaltungsamt das Zertifikat erworben, das zu einem digitalen Identitätscheck per Perso berechtigt.

Anruf bei der Deutschen Bahn, mit deren Logo das Innenministerium auf seinem Personalausweisportal wirbt. Derzeit, heißt es bei dem Logistikkonzern, könne man mit dem neuen Ausweis bei der Bahn leider gar nichts machen. Der Bund habe die Anforderungen an die Verschlüsselung geändert und deshalb müsse nachgebessert werden. Nächster Versuch. Bei der Berliner Klassenlotterie, ebenfalls auf der Liste des Ministeriums. Für den regulären Spielbetrieb seien keine E-Perso-Anwendungen geplant, heißt es. Aber vielleicht läuft es bei den Versicherungen, die sich für die Einführung des digitalen Ausweises massiv eingesetzt hatten? Bei der LVM-Versicherung in Münster können sich Bestandskunden nun mit dem neuen Perso beim Onlineportal „Meine LVM“ anmelden und etwa in ihre Verträge schauen. Das geht aber auch mit Nutzernamen und Passwort. Wie viele Kunden zücken also tatsächlich ihren Ausweis? „Deutlich unter fünf Prozent“, räumt LVM-Vorstandsmitglied Werner Schmidt ein.

Schnittstellen nicht freigegeben

Einen Durchbruch erhoffte sich der Bund von der „AusweisApp2“, welche 2014 die – als benutzerunfreundlich kritisierte – Vorgänger-Software ablöste. 180.000-mal wurde die aktuelle Software bislang heruntergeladen. Die Software kommt von der Firma Governikus, die mehrheitlich der Stadt Bremen gehört. Governikus hat im Auftrag des Bundes auch eine App entwickelt, die eine Ausweisnutzung mit dem Smartphone erlauben soll. Experten fordern dies schon lange. Das Problem ist bloß, dass einige Hersteller, darunter Apple, ihre Schnittstelle zum NFC-Chip nicht freigeben. iPhone-Nutzer müssten nach derzeitigem Projektstand zusätzlich zu Personalausweis und Telefon noch ein mobiles Kartenlesegerät mit sich führen.

„Hauptgrund für die geringe Akzeptanz der elektronischen Funktion des neuen Personalausweises sind die fehlenden Applikationen“, glaubt Lennart Streibel, Manager beim Identifikationslösungsanbieter Identiv, der zur Einführung 750.000 Lesegeräte in Deutschland ausgeliefert hatte, subventioniert vom Bund. Wirklich erfolgreich seien elektronische Dokumente allerdings vor allem in Ländern, in denen man mit dem Ausweis auch bezahlen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen kann. Das aber ist der Bundesregierung wohl der digitalen Revolution zu viel.