E-Commerce

Shopwings – von Berlin aus nach ganz Deutschland

Der Rocket-Internet-Ableger setzt auf das Potenzial des Lebensmittelhandels im Netz und will weitere Ballungsräume erschließen

Bei vielen Produkten stößt der Online-Boom bereits an Grenzen. Bei Büchern und Musik, Unterhaltungselektronik und Spielzeug liegen die Marktanteile der Internetanbieter teils über 50 Prozent. Doch ausgerechnet in der mit Abstand umsatzstärksten Handelssparte, dem Verkauf von Lebensmitteln, kommen die Internetpioniere kaum voran. Ihren Marktanteil taxieren Beobachter meist auf weniger als ein Prozent.

Das könnte sich gerade ändern. Derzeit schicken sich mehrere Online-Händler und Serviceleister an, ihr Angebot nach einer Pionierphase auszuweiten, darunter der Bringdienst Shopwings, der bisher nur in Berlin und München vertreten ist. „Shopwings wird in weitere Ballungsräume expandieren“, kündigte Mitgründer Conrad Bloser an.

„Hamburg, Frankfurt, Köln und andere stehen oben auf der Liste in Deutschland“, sagte der 31-jährige Unternehmer der Berliner Morgenpost. Der Eintritt in „den einen oder anderen Markt“ werde voraussichtlich noch in diesem Jahr erfolgen. Auch etablierte Händler wie die Kaiser’s-Firma Bringmeister und andere Newcomer wie die zur Bünting-Gruppe gehörende Firma MyTime hoffen auf einen Durchbruch über die klassischen Randbereiche wie Wein und Tierfutter hinaus.

Riesiges Wachstumspotenzial

Auch Rewe hatte kürzlich angekündigt, sein Online-Angebot zu erweitern. Zwar wisse niemand, wie weit sich der Online-Lebensmittelhandel in Deutschland entwickeln werde, sagte Rewe-Chef Alain Caparros der „Wirtschaftswoche“. Rewe müsse aber „dabei sein, sonst nehmen uns andere das Geschäft ab“, sagte Caparros mit Blick auf den US-Onlinehändler Amazon. Er gehe davon aus, dass der US-Konzern bald auch in Deutschland mit seinem Lebensmitteldienst Amazon Fresh starten werde. „Da wird etwas kommen“, sagte Caparros. Rewe wisse, dass Amazon sich Lagerstandorte angeschaut habe und bereits Mitarbeiter rekrutiere. Weltweit aktive Konzerne wie Amazon seien für ihn ein „Weckruf, noch mehr zu investieren und zu experimentieren“.

Zu Recht, folgt man Beobachtern wie Mirko Warschun, Partner der Beratungsfirma AT Kearney. Viele Konsumenten probieren nach seiner Beobachtung die neue Einkaufsmethode aus. Entscheidend für das Potenzial sei die schiere Größe des Marktes: Selbst wenn der Marktanteil der Online-Firmen bis 2020 nur von einem auf drei Prozent wachse, wie von AT Kearney erwartet, entspreche dies einem Umsatzvolumen von fünf Milliarden Euro.

Bloser teilt diese Sicht. „Das Wachstumspotenzial ist riesig“, sagte er. „In Deutschland kauft nur einer von tausend Konsumenten frische Lebensmittel online. Das ist fast nichts.“ Auf der anderen Seite sei der deutsche Markt mit seinem dichten Filialnetz von Discountern und Supermärkten und festen Konsumgewohnheiten schwer zu knacken.

Für viele Verbraucher gehöre der Einkauf zum eingefahrenen Tagesablauf. Die meisten wollten die Lebensmittel selbst auswählen, die Paprika oder Mango selbst in der Hand halten, erklärt der Gründer. Außerdem wollten viele den sozialen Kontakt beim Einkaufen nicht missen. Blosers Fazit: „Wenn wir es in Deutschland schaffen, schaffen wir es überall.“

Die Zalando-Mutterfirma Rocket Internet aus Berlin ist auch Inkubator und Hauptgesellschafter von Shopwings. Beteiligt sind unter anderem auch Tengelmann Ventures und Holtzbrinck Ventures, ferner Finanzinvestoren. Auch die Gründer wie Bloser halten Anteile.

Geht eine Kundenbestellung ein, wird der Auftrag über ein System von Apps an selbstständige sogenannte Shopper weitervermittelt, die die bestellte Ware kaufen und gegen eine Gebühr von 4,90 Euro zustellen. Zweite Ertragsquelle ist die Handelsmarge: Die Preise bei Shopwings liegen im Schnitt zehn bis 15 Prozent über den Ladenpreisen. Schließlich nutzt das Jungunternehmen die Bestelldaten seiner Kunden zur Aufbereitung von Marktinformationen und deren Verkauf beispielsweise an Konsumgüterhersteller. In diesem Feld konkurriert Shopwings mit Marktforschungsfirmen wie der Nürnberger GfK.

Bei der Einheitsgebühr bleibt es jedoch voraussichtlich nicht. „Wir werden bei den Liefergebühren einige Modelle testen. So ist daran gedacht, sie nach Liefer-Schnelligkeit oder Umsatz zu staffeln“, kündigte Bloser an. Auch mit dem reinen Abarbeiten von Einkaufslisten will sich der Dienst nicht auf Dauer begnügen. Shopwings solle als Dienstleister für spezielle Leistungen etabliert werden: „Wir können uns vorstellen, dass die Kunden uns Rezepte schicken, und wir beschaffen die Zutaten. Oder wir ermöglichen, dass zum Beispiel nur glutenfreie Produkte in den Korb kommen.“ Auch die Produktpalette werde erweitert: „Das nächste Thema sind Drogerieartikel.“

Shopper gesucht

Hauptzielgruppe seien Haushalte mit zwei oder mehr Personen. Zwei Drittel der Besteller seien Frauen, darunter überwiegend jüngere. Derzeit umfasse die Kundenliste etwa 10.000 Namen. „Wir gewinnen jede Woche mehrere Hundert Kunden dazu“, so Bloser. Eine der größten Herausforderungen bestehe darin, die Lieferkapazitäten bereitzustellen und geeignete Shopper zu finden. Shopwings arbeitet nicht mit klassischen Logistikfirmen zusammen.

„Unter unseren Shoppern sind Polizisten und Akademiker, Rentner und Studenten“, erläuterte der Manager des Start-ups. „Wir achten darauf, dass unsere Shopper gepflegt auftreten und mit Lebensmitteln umgehen können.“ Kritiker monieren, das Geschäftsmodell fördere prekäre Arbeitsverhältnisse und Scheinselbstständigkeit. Bloser weist das von sich: „Wir sind für das Thema Scheinselbstständigkeit extrem sensibilisiert und unternehmen alle notwendigen Maßnahmen, um gesetzeskonform zu sein.“

Die derzeit etwa 50 Shopper erhielten ihre Aufträge per App. „Unsere Shopper arbeiten selbstbestimmt. Jeder kann entscheiden, ob er einen Auftrag annimmt oder ablehnt“, unterstrich Bloser. Allerdings müssen die Einkäufer jeden Prozessschritt bestätigen. Sie verdienen im Schnitt nach Angaben von Bloser etwa 13 Euro pro Stunde, werden dabei „transaktionsbasiert bezahlt“: An Wochenenden und zu unbeliebten Tageszeiten können sie mehr verdienen, auch die Größe des Auftrags fließt in die Bezahlung ein.