Energiewirtschaft

Eons diskrete Bewerbung

Bei der IHK empfiehlt sich Unternehmenschef Johannes Teyssen als Partner für die Berliner Energienetze

Da steht er also, der Mann der einen der radikalsten Schnitte bei einem großen börsennotierten deutschen Konzern plant, die möglich sind. Im Kant-Atrium der Industrie- und Handelskammer (IHK) will Johannes Teyssen die neue Eon SE erklären und warum das in den vergangenen 15 Jahren unter großen Mühen geformte Unternehmen künftig zwei sein sollen. Es wird eine nur leicht verdeckte Großbewerbung als Partner für die Energiewende in Berlin – ohne dass Teyssen Einzelheiten nennt. Die Konkurrenz hört schließlich mit.

Also erst einmal ein kurzes Lob für Berlin: „Was heute so fasziniert, ist die Erotik des Neuen.“ Der Berliner habe Mut zu Neuem. Die Stadt überrasche sich und Europa. Überraschend auch die radikalen Pläne der Eon-Spitze, die vor knapp einem halben Jahr öffentlich wurden: Der Konzern aus Düsseldorf, größter deutscher Energieversorger, spaltet sich Ende des Jahres in zwei Teile.

Radikale Entscheidungen

Einer, Uniper in Düsseldorf, umfasst den Energiehandel, Stromerzeugung aus Atomenergie, Gas, Kohle und Wasserkraft – das konventionelle Geschäft. Bei der neuen Eon SE mit Sitz in Essen bleiben die Verteilnetze (etwa das in Brandenburg), die erneuerbaren Energien, die 33 Millionen Kunden in Europa. Eon will künftig beraten, unter anderem noch mehr Wind- und Solarparks bauen und betreiben und aus den Datenmengen, die die Kunden erzeugen, neues Geschäft entwickeln.

Teyssen ist über die Jahre aufgestiegen und seit Mai 2010 Chef. Nach der Spaltung des Unternehmens wird er Chef der neuen Eon SE. Nun skizziert er einen Konzern, der sich mutig neuen Strömungen stellt, radikal entscheidet, wenn es sein muss, und dann hartnäckig sein Ziel verfolgt. Bis zur nächsten radikalen Entscheidung. Und der dabei immer glaubwürdig bleibt: Im derzeit bestehenden Großkonzern verhandele er einerseits mit Alexei Miller, dem Chef des staatlichen russischen Gaskonzerns Gazprom, über niedrigere Preise für Gas, gleichzeitig böten andere Bereiche Eons Produkte an, mit denen sich der Gasverbrauch des Kunden senken lässt. Dieser Spagat sei auf Dauer nicht durchzuhalten. Auch deshalb wird der Konzern aufgespalten.

Glaubwürdigkeit erwähnt Teyssen mehrfach, ebenso die Kunden, deren Wünsche es zu beachten gelte. Viele Kunden setzen auf alternative Energien, gleichzeitig ermöglicht die Digitalisierung neue Ansätze etwa Daten zu erheben, auszuwerten und entsprechend anders zu steuern. Die Gäste erleben an diesem Morgen einen äußerst smarten, lockeren, humorvollen und schlagfertigen Manager, der allerdings zu Fragen, wie sich der neue Eon-Konzern in der Hauptstadt engagieren will, nichts sagt. „Ich werde keine Aussagen machen dazu, was Eon machen könnte oder wollte oder zu Ideen.“

Allerdings dürfte allein die Tatsache, dass er diesen Termin wahrnimmt, schon dafür sprechen, wie groß Eons Interesse ist. Der Konzern ist seit Monaten im Hintergrund unterwegs, um sich in Position zu bringen. Da mag es Zufall sein, dass der Fraktionsvorsitzende der CDU im Abgeordnetenhaus, Florian Graf, am Tisch Teyssens sitzt. Ebenso wie Gasag-Chefin Vera Gäde-Butzlaff und Jörg Simon, Chef der inzwischen wieder landeseigenen Berliner Wasserbetriebe. Und die Stadt ist attraktiv: 3,4 Millionen Einwohner, stetig wachsend, viele junge Menschen, kreative Köpfe, Universitäten. Und der Senat scheint bereit, etwas zu ändern.

Wer hier zeigen kann, was sich alles verändern lässt – und dass man damit Geld verdienen kann –, empfiehlt sich auch für andere Großstädte. Eon hat im kleinen schwedischen Malmö eine „Smart City“ gebaut – mit neuen Technologien für mehr Lebensqualität.

Eloge auf Berlin

Berlin suche einen industriellen Partner dafür, die Stadt gemeinsam bis 2050 leistungsfähiger zu machen, sagt Teyssen. Eon stelle keine Vorbedingungen. „Aber wir haben den Willen, alles zu zeigen, was wir können.“ Darüber werde dann gesprochen. Und: „Dann sehen wir, was gewollt ist, was gut für ein gemeinsames Unternehmen ist, wenn es das geben sollte.“ Offiziell gibt es keine Gespräche zwischen Eon und Berlin. „Wenn wir gefragt werden, werden wir reden“, sagt Teyssen.

Irgendwann zum Ende der Veranstaltung hin, folgt noch eine weitere kurze Eloge auf Berlin. Berlin habe angesichts seiner Energie- und Klimaziele bis 2050 eine einmalige Chance, etwas aufzubauen. Berlin sei eine der aufregendsten Städte in Europa. „Wir machen uns Gedanken, was das für Eon bedeuten könnte.“ Zu Einzelheiten schweigt sich Teyssen aus. Aber klar ist: Es könnte eine Menge bedeuten.

Es ist schon sehr deutlich, dass der Konzern aus Sicht Teyssens genau der richtige Partner für die Stadt ist, sollte es darum gehen, Gas- und Stromnetz zu managen, die Steuerung zu optimieren, den Energieverbrauch der Stadt zu senken, Verkehr optimal zu steuern, die Gesundheitspolitik anzupassen. Teyssen denkt das Thema leistungsfähige und klimaneutrale Stadt deutlich weiter gefasst als nur Energie. Zurzeit betreibt die Gasag das Gasnetz, das Stromnetz steuert der staatliche schwedische Energieversorger Vattenfall, derzeit der drittgrößte Energieversorger Deutschlands, der wie Eon mit gut einem Drittel an der Gasag beteiligt ist. Die restlichen Anteile hält der französische Versorger GdF Suez.

Die Gasag ist der größte regionale Gasversorger Europas, bietet allerdings auch Strom an. Eon ist in Berlin noch mit der Digital Transformation Unit vertreten, einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern, die an der digitalen Zukunft des Konzerns arbeitet, und der Personalsteuerung für Europa.