Verkehr

Bahnstreik – Was Berliner heute wissen müssen

Gewerkschaftschef Claus Weselsky kündigt den neunten und bisher längsten Ausstand an. Ein Ende nennt er nicht

Gerade einmal gut eine Woche ist seit dem Ende des jüngsten und bislang längsten Lokführerstreiks vergangen – und schon steht der nächste vor der Tür. Am Montagnachmittag kündigte die Gewerkschaft GDL an, ab Dienstag erneut zu streiken. Bahnkunden fragen sich, wie lange das noch so weiter gehen könnte. Die wichtigsten Punkte des Streiks:

Wann und wie lange wird diesmal gestreikt?

Der Ausstand mit offenem Ende soll um 2 Uhr in der Nacht zum Mittwoch im kompletten Personenverkehr beginnen. Bereits an diesem Dienstag um 15 Uhr legen die Lokführer im Güterverkehr die Arbeit nieder. Der Streik werde „etwas länger“ dauern als die vorangegangene Streikrunde, erklärte GDL-Chef Claus Weselsky in Berlin. Damit sind auch die Pfingsttage betroffen.

Wird auch Berlin wieder vom GDL-Streik betroffen sein?

Der Lokführerstreik trifft die deutsche Hauptstadt mit dem besonders hohen Anteil an Stammkunden von Bus und Bahn sowie den täglich Hunderttausenden Touristen besonders stark. Allerdings gibt es in der Stadt auch zahlreiche Fahralternativen speziell zur Berliner S-Bahn, die erneut massiv vom GDL-Streik betroffen sein wird.

Wie reagiert die S-Bahn auf den Streik?

Die S-Bahn Berlin GmbH, eine hundertprozentige Bahntochter, hat wieder einen Notfahrplan angekündigt. Wie die S-Bahn am Montagabend mitteilte, tritt am Mittwochmorgen ein „erweiterten Ersatzfahrplan“ in Kraft. Danach wird der Zugverkehr „bis auf weiteres“ auf acht der insgesamt 15 Linien komplett eingestellt, darunter auf den Ringbahnlinien S41 und S42. Auf einigen Streckenabschnitten wie etwa zwischen Teltow Stadt und Südende oder zwischen Hennigsdorf und Tegel sowie Strausberg Nord und Strausberg fahren Busse statt Bahnen. Weiter in Betrieb bleiben hingegen die Nord-Süd-Linien S1 (Wannsee-Oranienburg) und S2 (Blankenfelde–Bernau), die S1 wird als Ersatz für die im Westen gekappte S7 bis nach Potsdam verlängert. Bereits ab Streikbeginn will die S-Bahn die S5 bis nach Friedrichstraße verlängern, zumindest tagsüber (Planungsstand: 5 bis 22 Uhr) sollen die Züge auf der S7 bis nach Charlottenburg fahren. Auf allen „Notlinien“ sollen die Züge verlässlich im 20-Minuten-Takt fahren.

Was macht die BVG?

Die landeseigenen Verkehrsbetriebe, die vom Streikaufruf der GDL nicht betroffen sind, wollen wieder aller verfügbaren Fahrzeuge sowie zusätzliches Personal einsetzen. Bei den vorangegangenen Streiks hatten die Busse und Bahnen in Spitzenzeiten bis zu 60 Prozent mehr Fahrgäste zu transportieren. Um den Ansturm zu bewältigen setzt das Unternehmen auf einigen besonders stark frequentierten Straßenbahn- und U-Bahn-Linien längere Züge ein. Generell empfehlen S-Bahn und BVG sich vorab genau zu informieren, was fährt, und etwas mehr Zeit einzuplanen. Zuletzt gelang es beiden Verkehrsunternehmen ihre Fahrplanänderungen in die elektronischen Informationssysteme – wie etwa die Fahrinfo-App des Verkehrsverbundes – einzugeben, die sich nach Aussagen von Fahrgastvertretern als sehr zuverlässig erwiesen.

Welche Rolle spielen die parallelen Verhandlungen mit der EVG?

Kommt es an diesem Donnerstag wie geplant zu einem Abschluss zwischen der Bahn und der Konkurrenzgewerkschaft EVG, steigt der Druck auf die GDL gewaltig. Sie müsste bei allen Berufsgruppen mit Ausnahme der Lokführer gegen dann bestehende Tarifverträge der größeren EVG ankämpfen. Erklärtes Ziel der Bahn sind konfliktfreie Verträge mit beiden Gewerkschaften – sie will also Unterschiede vermeiden, die den Betriebsablauf komplizierter machen würden. Unterschiedliche Arbeitszeiten will sie beispielsweise nicht akzeptieren. Die EVG geht mit einem Abschluss ohne Streik kein Risiko ein: Sie wird sich in Klauseln das Recht für Nachverhandlungen offenhalten, sollte die GDL mehr herausholen.

Warum zieht sich die GDL immer wieder aus den Verhandlungen zurück?

Dieses Verhalten gehört zur Taktik der Gewerkschaft. Weselsky will die Deutsche Bahn so offensichtlich immer wieder zu Zugeständnissen bewegen. Die Rechnung ist bislang aber nicht aufgegangen. In dem Kernpunkt, den die GDL angreift, bleibt der Staatskonzern hart: Er will nicht akzeptieren, dass für Berufsgruppen wie Zugbegleiter oder Lokrangierführer am Ende zwei Tarifverträge mit abweichenden Regelungen gelten – einer mit der GDL und einer mit der EVG.

Warum sind eigenständige Tarifverträge für die GDL so wichtig?

Weselsky benutzte ein Bild aus dem Kartenspiel, um die Dringlichkeit eigenständiger Tarifverträge für möglichst alle Berufsgruppen des DB-Zugpersonals zu erklären: Der Trumpf steche nur im aktuellen Spiel und danach nie wieder, schrieb er den Mitgliedern in der vergangenen Woche. Soll heißen: Mit Verträgen für Zugbegleiter, Bordgastronomen, Planer und mit Lokführern gleichgestellte Lokrangierführer hätte die kleine GDL für die gesamte Laufzeit einen Fuß in der Tür. Dann ginge es darum, die EVG bei der Mitgliederzahl in möglichst vielen Betrieben der DB AG zu überflügeln und unter den Bedingungen des geplanten Gesetzes zur Tarifeinheit die tarifbestimmende Gewerkschaft zu werden. Beschränkt sich die GDL hingegen wie bislang auf die Lokführer, müsste sie allein darauf hoffen, dass Karlsruhe das Gesetz als nicht verfassungskonform kassiert.

Welche Alternativen haben Reisende?

Es werden – wie schon während der vergangenen Streiks – Autovermietungen, Carsharingunternehmen sowie Fernbus-Anbieter profitieren. Das größte deutsche Fernbusunternehmen, MeinFernbus FlixBus, kündigte bereits an, sein Angebot für das Pfingstwochenende auszuweiten. „Wir planen mit bis zu drei Bussen mehr pro Strecke“, sagte ein Sprecher. MeinFernbus FlixBus reagiere damit auf seine Erfahrungen aus den letzten Streiks.