Strategie

Bitterer Tag für Karstadt

Warenhaus-Gruppe muss mehr sparen und will weiterefünf Häuser schließen

Die Karte mit den Karstadt-Filialen in Deutschland wird immer übersichtlicher – die angeschlagene Warenhauskette schrumpft weiter. Nun soll es die Filialen in fünf Städten treffen. 2016 droht den Warenhäusern in Bottrop, Recklinghausen, Mönchengladbach (alle Nordrhein-Westfalen), Dessau (Sachsen-Anhalt) und Neumünster (Schleswig-Holstein) das Aus. „Katastrophe“, „Schock“, „bitterer Tag“ – so und ähnlich reagierten Arbeitnehmervertreter, die betroffenen Städte und auch Kunden auf die Botschaft aus Essen.

So ist in Bottrop die Aufregung groß. „Ganz schlimm! Dass die sowas machen können. Ich hab schon geheult“, sagte Stammkundin Gunhilde de Kok, 75. Und die 37-jährige Kundin Jenny Martin meinte, wenn das Traditionswarenhaus schließen müsse, sei das für sie sogar ein Grund wegzuziehen. „Dann ist hier nur noch tote Hose.“ In Neumünster soll es eine der ältesten Karstadt-Filialen treffen – im 126. Jahr ihres Bestehens.

Die fünf Filialen hätten keine „strategische Perspektive“ mehr gehabt, sagte Karstadt-Chef Stephan Fanderl. Die Vermutung der Gewerkschaft Verdi ist eine andere: Dem neuen Karstadt-Eigentümer, dem österreichischen Immobilieninvestor René Benko, gehe es vor allem darum, die Immobilien zu verwerten.

Es gehe „ums Überleben des Gesamtkonzerns“, hatte Stephan Fanderl gleich nach seiner Berufung zum Karstadt-Chef im vergangenen Oktober angekündigt, dies gelinge „nicht ohne schmerzhafte Einschnitte“. Schnitt eins war die Schließung von sechs Filialen, darunter zwei klassische Warenhäuser in Hamburg und Stuttgart, Schnitt zwei der Abbau von mehr als 2000 Stellen samt 960Kündigungen. Mit dem Schließungsentscheid für weitere fünf Filialen hat der Karstadt-Aufsichtsrat nun den nächsten Schnitt getan. Die Zahl der Warenhäuser des Essener Unternehmens sinkt damit auf bundesweit 76. Was kommt als nächstes – oder war es das?

Vorruhestand oder Abfindungen

Diese am Dienstag häufig gestellte Frage konnten weder der Konzern noch Verdi beantworten. Nach Informationen dieser Zeitung sind aber absehbar keine weiteren Schließungen geplant. Damit hätten sich zumindest die schlimmsten Befürchtungen der Arbeitnehmervertreter nicht bewahrheitet. Die interne „Fokusliste“ mit defizitären Standorten sei von 21 auf 28 Häuser gewachsen, hatte Verdi im April erklärt. Von acht bis zehn akut bedrohten Häusern hatte Fanderl selbst im vergangenen Herbst gesprochen und diesen Filialen eine Frist bis zum Sommer 2015 gesetzt, zurück in die Spur zu finden. Mit Filialschließungen mindestens in dieser Größenordnung hatten die Beobachter gerechnet.

„Wir stehen mitten im Prozess des tiefgreifenden Wandels und sind auf einem guten Weg. Sanierung und Zukunftskonzept bedingen sich gegenseitig“, sagte Fanderl. Die Arbeitnehmervertreter werteten die Schließungen gleichwohl als Vertrauensbruch. „Mit dem heutigen Tag ist Vertrauen in die Eigentümer und die Geschäftsführung von Karstadt verloren gegangen“, sagte Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt. Der Kurs der neuen Eigentümer und der Geschäftsführung bestehe „vor allem aus einer rigiden Spar- und Kürzungspolitik auf dem Rücken der Mitarbeiter“.

Für die Betroffenen gelten laut Karstadt die beschlossenen Sozialpläne. Sie scheiden demnach entweder sozialverträglich aus, etwa über Vorruhestandsregelungen, oder wechseln im Kündigungsfall in eine Transfergesellschaft und erhalten Abfindungen.