Ausbildung

Endlich angekommen

Dawit Megerssa ist aus Äthiopien geflüchtet. Er wird jetzt Lehrling in einer Berliner Firma und füllt eine Lücke

Ein Sonnenkollektor kommt aufs Dach, er sorgt hier bald für warmes Wasser. Dafür verlegen Sebastian Ritter und sein Kollege Dawit Megerssa gerade viele Kupferrohre, installieren moderne Heizkörper, löten und schrauben. Ihr Arbeitsplatz: eine Dachwohnung am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf. Sehr groß, grandioser Ausblick. Sie wird saniert. Ein üblicher Auftrag für die Firma der beiden Männer, einen Heizungs- und Sanitärbetrieb. Nur eines ist heute anders: Ein angehender Lehrling ist mit vor Ort, eben Dawit Megerssa, der gerade so zügig die Rohre isoliert. Na und – ein Lehrling? Klingt banal, ist aber in diesem Fall außergewöhnlich. Denn lange Zeit fand sich kein Auszubildender, die ganze Heizung- und Sanitärbranche in Berlin sucht Lehrlinge. Megerssa, der geschickte Mann aus Äthiopien, ist da ein Glücksfall für seinen Arbeitgeber.

Offiziell ist der Afrikaner, der Ende 30 ist, gerade Praktikant beim Installationsbetrieb Grimm und Mielke. Gleichzeitig bewirbt er sich dort für die Ausbildung. Alles scheint ausgemacht, er wird bei Grimm und Mielke weitermachen. Es kann sogar nicht schnell genug gehen. Und diesen Takt hat Megerssa selbst mit vorgegeben: „Er will schnell und viel lernen“, bescheinigt ihm Karsten Unglaube, zuständig im Betrieb für die Einstellung und Ausbildung. Unglaube lobt, wie zuverlässig und zugewandt Megerssa ist. Er, der ursprünglich als Flüchtling aus Addis Abeba kam, wird nun einer der ersten sein, der es aus dem Berliner Qualifizierungsprojekt Arrivo bis zum festen Ausbildungsvertrag schafft. Dafür wurde Arrivo vor kurzem eingerichtet, unter anderem von der Handwerkskammer. Es ist bundesweit ein Pilotprojekt.

In vielen Branchen ähnelt die Lage der der Heizungs- und Sanitäranlagenbauer: Es gibt zahlreiche unbesetzte Lehrstellen. Und dann sind da die Asylbewerber oder Flüchtlinge, die viele praktische Kenntnisse in Handwerksberufen haben und meist nichts tun dürfen.

Das Prinzip von Arrivo: Die Flüchtlinge durchlaufen vier Wochen lang eine Kreuzberger Lehrwerkstatt und besuchen Deutschkurse. Sie erhalten eine Arbeitserlaubnis, dann werden sie an Firmen vermittelt. Das soll qualifizierten Nachwuchs für Handwerksberufe schaffen – und Megerssa zum Vorbild für viele weitere afrikanische Azubis werden.

Megerssa hat in Äthiopien schon eine Ausbildung zum Automechaniker gemacht. Die Grundtechniken ähneln denen seiner jetzigen Tätigkeit. Mit Klimaanlagen hatte er zu tun. Das hilft ihm. Außerdem spricht er sehr gut Deutsch, was ihn jetzt im Schnelldurchlauf zum Azubi macht. Bevor er nach Deutschland kam, war er eine Zeit lang in Griechenland. In Athen hatte er seine erste „Duldung“ in der EU, wie es in der Verwaltungssprache heißt. Megerssa kümmerte sich dort um einen ersten Deutschkurs, die Stufe A1. Damit kam er nach Berlin, hier hat er einen Aufenthaltstitel. Die Ausländerbehörde schickte ihn gleich in den höheren Kurs „B1“. Mittlerweile macht Megerssa seinen dritten Deutschkurs, diesmal finanziert er ihn selbst. Ein Freund, erzählt er, helfe ihm dabei.

So beginnt sein Arbeitstag im Moment um sieben Uhr morgens auf der Baustelle am Ludwigkirchplatz und endet abends um halb neun an der Sprachschule am Nollendorfplatz, fünf Mal die Woche. Das soll ihn sprachlich soweit fit machen, dass er auch dem Berufsschulunterricht folgen kann.

Diesen Fleiß erkennen seine Chefs und Kollegen hoch an, alle mögen ihn. Megerssa selbst hebt als Vorteil hervor, dass er in seinem Handwerk als Anlagenmechaniker viele unterschiedliche Arbeitstechniken erlernt. „Und ich arbeite oft auf unterschiedlichen Baustellen“, sagt er. Als Lehrling wird er zunächst 450 Euro monatlich verdienen, dreieinhalb Jahre bleibt er Azubi. Dazu sagt er verschmitzt: „Wer länger bleibt, der lernt mehr.“