Arbeitskampf

Warum die Lokführer wieder streiken

Seit neun Monaten schwelt der Konflikt bei der Bahn. Ein Ende ist nicht in Sicht

Nicht zum ersten Mal handelt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) so: Sie lässt die Deutsche Bahn mit einer Streikankündigung ohne Termin einige Zeit zappeln, bevor sie exakte Streikzeiten nennt. Abermals läuft der Tarifkonflikt nach einem bekannten Muster ab. Die GDL bricht die Verhandlungen ab, nachdem diese auf einem guten Weg zu sein schienen.

An welchem Punkt sind die Verhandlungen diesmal geplatzt?

„Es gibt den Knackpunkt, an dem es gescheitert ist: Das sind die Lokrangierführer“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky am Freitag. „Hier versucht die Deutsche Bahn AG, den billigen Jakob im Tarifvertrag mit der GDL zu verankern.“ Offensichtlich pocht die GDL auf eine weitgehende Gleichstellung der 3100 Lokrangierführer mit den rund 20.000 Lokführern, die im Personen- und Güterverkehr unterwegs sind.

Was unterscheidet Lokführer von Lokrangierführern?

Lokführer steuern Züge mit Fahrgästen im Fern- und Nahverkehr oder ziehen mit ihrem Triebwagen Güterwagen. Lokrangierführer sind für das Rangieren auf Bahnhöfen da – also für das Auflösen, Zusammenstellen oder Umsetzen von Zügen sowie für das Kuppeln oder Entkuppeln von Fahrzeugen. Sie können auch Loks zum Rangieren bewegen.

Gibt es eine andere Möglichkeit, als das Scheitern zu erklären?

Das ist schwer zu beurteilen. GDL-Chef Weselsky fuhr schwere Geschütze auf: Die Bahn spiele in unverantwortlicher Weise auf Zeit. „Was heute auf dem Tisch ist, ist nichts wert, weil alles wieder zurückgenommen werden kann“, sagte er nach der inzwischen 16. Verhandlungsrunde. Dann legte Weselsky noch einmal nach – und warf Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber vor, „an der Stelle“ zu lügen.

Wie sieht das die Deutsche Bahn?

Die Bahn stellte den Stand so dar, dass man in Schritten vorankomme, zuletzt sogar schneller als selbst gedacht. Der bundeseigene Konzern räumte ein, dass die Gespräche mit der GDL über die künftige Eingruppierung der Lokrangierführer schwierig waren. Aber auch in diesem Punkt hätten „beide Seiten Grundzüge einer gemeinsamen Lösung erarbeitet“. Es habe also keinen Grund zum Abbruch gegeben.

Welche Rolle spielt das geplante Gesetz zur Tarifeinheit?

Eine große, denn es wird voraussichtlich die Tariflandschaft bei der Deutschen Bahn kräftig aufmischen. Künftig soll pro Betrieb nur noch die jeweils größte Gewerkschaft Tarifverträge abschließen, die anderen dürften dann faktisch nicht mehr streiken. Da bestehende Verträge Bestandsschutz erhalten sollen, entsteht Zeitdruck, um vor Inkrafttreten des Gesetzes zu einem Abschluss zu kommen. Der Bundesrat soll sich spätestens am 10. Juli abschließend mit dem Thema befassen.

Welche Ziele verfolgt die GDL mit Blick auf die Tarifeinheit?

Die GDL-Strategie ist darauf ausgerichtet, den eigenen Einfluss im Fahrbetrieb der Deutschen Bahn auszuweiten. In einem möglichst großen Teilbereich will sie eine realistische Chance erhalten, in späteren Jahren die größere und damit tariffähige Gewerkschaft zu sein. Neben den Lokführern sollen daher aktuell für das gesamte Zugpersonal inklusive der Lokrangierführer gültige Verträge verhandelt werden – das sind insgesamt rund 37.000 Beschäftigte.