Gesundheit

Löcher ohne Boden

Zahnärzte geben nach Meinung der Barmer GEK zu wenig Daten über Behandlungen weiter

In den Zahnarztpraxen werden nicht nur kariöse Löcher behandelt; die Praxen selbst sind große schwarze Löcher. Davon ist die Barmer GEK, die größte gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland, überzeugt. Ihr Vorstandsvorsitzender Christoph Straub bemängelt, dass die Zahnärzte bei ihren Abrechnungen mit den Krankenkassen zu wenige Daten preisgeben, um wirklich zu beurteilen, wie gut ihre Arbeit ist und wie gut die Materialien sind, die sie verwenden. Die Kassen wüssten zwar, mit welchen Beschwerden die Patienten zum Zahnarzt kommen und an welchen Zähnen sie behandelt werden, aber in vielerlei Hinsicht stehe der Behandlungsstuhl in einer Black Box, in die Außenstehende kaum Einblick haben. „Wir fordern, den Krankenkassen Zugang zu mehr Daten der zahnmedizinischen Versorgung zu ermöglichen. Mit den uns zur Verfügung stehenden Daten können wir wesentliche Fragen zur Versorgungsqualität nicht beantworten“, sagt Straub.

Anlass für für seine Forderung sind die Ergebnisse des jüngsten Barmer GEK Zahnreports, der vor allem die Qualität von Füllungen untersucht hat. Das Thema betrifft praktisch jeden; allein im Jahr 2013 ließen mehr als 20 Millionen gesetzlich Versicherte kariöse Stellen aufbohren und wieder verschließen. Was aber vermutlich nur die wenigsten wissen, die sich auf den Behandlungsstuhl legen: Jede dritte Füllung muss innerhalb von vier Jahren erneut behandelt werden. „Das ist im internationalen Vergleich nicht schlecht“, sagt Michael Walter, Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Technischen Universität Dresden. „Wir finden ähnliche Ergebnisse in Daten aus Großbritannien, den Niederlanden und den USA.“

Rund zehn Jahre haltbar

Walter und seine Kollegen haben für den Report 17 Millionen Füllungen untersucht, die Barmer GEK-Versicherte zwischen 2010 und 2013 bekommen hatten. Dabei zeigte sich, dass eine Füllung im Schnitt zwischen neun und gut zehn Jahren hält. Je größer die Füllung, desto wahrscheinlicher ist allerdings, dass der gleiche Zahn noch einmal behandelt werden muss: Im Schnitt muss zwar nur jeder dritte Patient noch einmal unter den Bohrer. Von den Patienten, denen ein sehr großes Loch ausgebohrt und verschlossen wurde, mussten 39 Prozent innerhalb von vier Jahren erneut auf den Behandlungsstuhl.

Tatsächlich gehe es bei den Nachbehandlungen aber häufig nicht um zerbrochene oder zersplitterte Füllungen, sagt Walter. Füllungen könnten zwar kaputtgehen, aber sehr häufig werde der erneute Gang um Zahnarzt nötig, weil sich neuer Karies neben der Füllung oder am Rand der Füllung gebildet hat. „Die Patienten können neue Füllungen verhindern, wenn sie sich stärker um Vorbeugung und Pflege bemühen“, mahnt Walter.

Welche Materialien sich besonders lange halten, ist aber unklar, weil die Zahnärzte den Krankenkassen bisher nicht mitteilen, welche Füllungsart und welche Materialien sie verwenden. Zahnfüllungen können aus Kunststoff, Amalgam, Keramik oder Zement bestehen. „Wir können praktisch nichts darüber sagen, wie nachhaltig eine Füllungstherapie ist“, sagt Kassen-Chef Straub. Die Kassen erführen auch nicht, welche privat bezahlten Behandlungen die Patienten bekommen. Diese Informationen seien aber wichtig, um die Behandlungsqualität beurteilen zu können. Auch für die Patienten, die einen je nach Füllungsart unterschiedlich hohen Eigenbetrag leisten müssen, seien diese Informationen wichtig. „Haltbarkeit und Preise sind wichtige Grundlagen für eine informierte Entscheidung“, sagt Straub.

Die Zahnärzte wollen die Forderungen der Barmer GEK nach mehr Daten über zahnärztliche Behandlungen nicht gelten lassen. Das gilt ganz besonders für den Wunsch der Krankenkasse auch über privat bezahlte Leistungen ihrer Mitglieder aufgeklärt zu werden. „Der Datenhunger der Kassen scheint keine Grenzen zu kennen und macht auch vor der freien Entscheidung der Patienten keinen Halt. Mit dem vorgeschobenen Argument einer verbesserten Versorgungsforschung sollen letztlich doch nur bewährte Wahlmöglichkeiten bei Füllungen in Frage gestellt werden“, sagt Wolfgang Eßer, der Vorstandsvorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). „Auch über die Haltbarkeit von Füllungen wissen die Kassen schon genau Bescheid, da sie entsprechende Daten patientenbezogen speichern.“ Die KZBV spielt eine Schlüsselrolle bei dem Kampf um die Patientendaten: Die Zahnärztevertretung und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen müssten sich darauf einigen, künftig für mehr Transparenz zu sorgen.

Höhere Ausgaben für Gesundheit

Insgesamt steigen die Ausgaben für Gesundheit stärker als die Wirtschaftsleistung Deutschlands. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden. Jeder zehnte Euro fließt in diesen Sektor. 2013 waren das 3910 Euro pro Bürger. Insgesamt betrugen die Gesamtgesundheitsausgaben 314,9 Milliarden Euro, vier Prozent mehr als 2012. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt lag bei 11,2 Prozent – Tendenz steigend: 2012 waren es 11,0 Prozent, 2011 10,9 Prozent. „Der leichte Anstieg gegenüber dem Vorjahr ist durch den stärkeren Anstieg der Gesundheitsausgaben im Vergleich zur Wirtschaftsleistung zu erklären“, berichtete Destatis. Mehr als die Hälfte der Ausgaben zahlte die gesetzliche Krankenversicherung (181,5 Milliarden Euro, plus 5,3 Prozent). Privatpersonen übernahmen knapp 14 Prozent (42,9 Milliarden Euro, minus 0,6 Prozent); dass sie entlastet wurden, lag am Wegfall der Praxisgebühr. Die privaten Krankenkassen trugen knapp zehn Prozent der Kosten (28,9 Milliarden Euro, plus 3,3 Prozent).