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Internet im Zug bleibt Luxus für wenige

Die Bahn verspricht kostenloses Wlan im ICE. Intercity- und Regionalzüge erhalten die Technik nicht

Die „größte Serviceoffensive“ ihrer Geschichte hatte die Deutsche Bahn (DB) jüngst angekündigt, darunter kostenloses Wlan für alle Passagiere im ICE. Doch das Gros der Kunden fährt in Regional- und S-Bahnen oder im IC. Und dort wird es nach Informationen der Morgenpost auch in absehbarer Zeit kein Wlan geben. Von einigen Ausnahmen abgesehen.

Die Surf-Offensive gilt nicht für die ICs und ECs, wie ein Bahnsprecher nun sagt. Und die neuen ICx-Züge, die ab 2017 in Dienst gestellt werden und das Rückgrat des DB-Fernverkehrs bilden, werden für Wlan auch nur „vorgerüstet“. Doch der Fernverkehr ist im Vergleich zu den Regional- und S-Bahnen überschaubar: ICEs und ICs nutzen täglich 350.000 Passagiere. In Regio- und S-Bahnen sitzen 6,7 Millionen.

„Dass Wlan bei den Fahrgästen ein Bedürfnis ist, haben wir verstanden. Aber eine Einführung im Nahverkehr ist kein Akt von ein, zwei Jahren“, sagt Thomas Geyer, der Präsident des Dachverbandes der Besteller von Schienennahverkehr (BAG SPNV). „Realistisch ist, dass wir Wlan in zirca fünf Jahren in nennenswerterem Umfang im Schienennahverkehr haben“, sagt Geyer.

Immerhin gibt es nun ein erstes Gespräch der Beteiligten, um Wlan in den Nahverkehr zu bringen. Am 2. April kommen in Frankfurt Vertreter der Mobilfunkanbieter mit der Deutschen Bahn und den Bestellern zusammen. „Dort wird über die Netzabdeckung gesprochen, das soll der Einstieg in die Thematik sein“, sagt Geyer.

Im Fernverkehr ist klar, wer am Zug ist: allein die Deutsche Bahn. Doch bei den Regiozügen und S-Bahnen reden die sogenannten Besteller mit, also jene Verbünde, die Bahnunternehmen mit dem Betrieb auf bestimmten Strecken beauftragen, außerdem die Bundesländer und der Bund. Und jede Partei reicht die Verantwortung munter an die andere weiter. Der Bund sieht sich vorsorglich keinesfalls in der Pflicht. „Die Ausschreibungen von Nah- und Regionalverkehrsleitungen fallen in die Zuständigkeiten der Länder“, heißt es in der Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine jüngst gestellte Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen zum Thema „Mobiles Internet im Zug“.

Landespolitik hat Einfluss

Formal ist das richtig. Die Länder bekommen das Geld für den SPNV vom Bund und leiten es an die Besteller weiter. Und da es sich dabei zum Teil um landeseigene Gesellschaften oder Zweckverbünde handelt, hat die Landespolitik Einfluss drauf, welche Standards im Nahverkehr herrschen. Die Länder müssten also Wlan bei den beauftragten Bahnen vorschreiben, allerdings dann auch dafür bezahlen. „Die Erwartungshaltung der Kunden wird wohl sein, Wlan in Nahverkehrszügen kostenlos nutzen zu können. Und der Kundenwunsch ist ein wichtiges Argument – ob dies aber umsetzbar ist, hängt letztendlich davon ab, dass die Mobilfunkbetreiber hier vernünftige Konditionen anbieten“, sagt Frank Zerban, Sprecher des Besteller-Verbandes. Beim Bund weiß man: Die Länder haben dafür kein Geld.

Angesichts des von den Ländern ausgemachten Milliardenloches sei Wlan „nicht Thema Nummer eins“, sagt Verbandspräsident Geyer. „Wir müssen mit den aktuellen Mitteln zunächst versuchen, das bestehende Angebot und dessen Qualität zu sichern. Die Züge müssen zuverlässig und pünktlich fahren, die Fahrgastinformation muss funktionieren. Da haben wir leider Nachholbedarf.“

Und überhaupt, da sind sich Bahnbranche und Politik einig, seien zunächst die Mobilfunkanbieter gefragt: „Wir können Netzverbindungen nur anbieten, wenn es entlang der Trassen eine entsprechende Abdeckung der Mobilfunknetze gibt. Und die existiert eben oft nicht, gerade an Nebenstrecken“, sagt Verbandssprecher Zerban. Doch die Telekommunikationsfirmen zieren sich, deshalb haben Fernbusse längst Wlan, Regiozüge hingegen nicht. Denn auf Bahnstrecken ist der Aufbau von schnellem Internet teuer und lohnt sich oft nicht.

Züge halten sich in aller Regel nur Sekunden in einer Funkzelle auf. In diesen Sekunden muss sich das System der Zelle anmelden, die Übertragung stabilisieren, Daten mehrerer Hundert Nutzer übertragen und sich wieder abmelden. Befindet sich kein Zug in der Funkzelle, ist sie ungenutzt und verursacht Kosten statt Einnahmen. Auf Autobahnen ist das anders, dort sind die Zellen aufgrund des Verkehrsstroms oft unter Dauerlast.

Kein Geschäft auf Nebenstrecken

Gerade auf Nebenstrecken im Regionalverkehr, auf denen alle halbe, oft sogar nur alle zwei Stunden ein Zug fährt, können die Mobilfunkanbieter kaum auf ein gutes Geschäft hoffen. „Wlan im Nahverkehr wird daher auch zuerst in Ballungsräumen kommen“, sagt Verbandspräsident Geyer. Und wenn das Gros der laufenden Züge ausrangiert ist. Denn die Betreiber haben wenig Lust, diese internettauglich nachzurüsten. Bei neuen Zügen ist es deutlich günstiger, Wlan zu integrieren.

Dennoch gibt es einige Regionen, in denen Nahverkehrskunden in absehbarer Zeit im Zug per Wlan ins Netz können. Noch im Dezember dieses Jahres wird der Zweckverband Großraum Braunschweig 20 neue Fahrzeuge im ENNO-Netz (Wolfsburg–Hannover sowie Wolfsburg–Hildesheim) einsetzen, die mit Wlan ausgerüstet sind. Die 82 Züge des Rhein-Ruhr-Expresses (RRX), der von 2018 an auf sechs Linien in der dicht bevölkerten Region zwischen Köln und Dortmund fahren soll, sind laut Ausschreibung ebenfalls mit Wlan auszustatten. Und Baden-Württemberg will das auf den Regionalbahnstrecken, die in die Landeshauptstadt fahren (Stuttgarter Netze) bei den derzeit laufenden Ausschreibungen ebenfalls.