Gründerzeit

Frühstücksfernsehen mit Periscope

Jürgen Stüber über den Trend Videostreaming und Twitters neuen Streamingdienst

Eigentlich sollte hier ein Text darüber erscheinen, was die mittelständische Wirtschaft von Start-ups lernen kann. Der Zukunftsforscher Nick Sohnemann, den ich vergangene Woche getroffen habe, möge mir den Themenwechsel verzeihen. Aber auch hier geht es um Zukunft – die Zukunft der Nachrichten und der Unterhaltung.

Ich war nämlich im Fernsehen. Nur kurz. Aber immerhin. Beim Sonntagsfrühstück erwähnte ich einen Blogbeitrag von Richard Gutjahr über die neue Videostreaming-App Periscope, die mein Gegenüber sofort installierte und dann die iPhone-Kamera auf mich richtete. Normalerweise sind Postings aus meinem privaten Umfeld für mich tabu. Umso irritierter war ich, als ich mich selbst auf dem iPad sah, das ich in den Händen hielt. Periscope ist eine App, mit der Nutzer von Apples iPhone (oder iPad) mit einem Klick Videos während des Filmens live ins Netz senden können. Sie sind für jeden Nutzer der App in Echtzeit sichtbar. Vermutlich werden aber nur Menschen auf sie aufmerksam, die Twitter nutzen. Denn nur dort werden diese Nachrichten geteilt, was nicht wundert, da Periscope von Twitter gekauft wurde.

Die App ist einfach: Die Anmeldung erfolgt mit den Twitter-Zugangsdaten. Dann wird dem Neuzugang empfohlen, die Periscope-Nutzer zu abonnieren, denen man bei Twitter folgt. Ist einer von ihnen gerade online, sieht man das in der App oder im eigenen Nachrichtenstrom auf Twitter. Diese Videos sind ausschließlich in Echtzeit zu sehen, sie werden also nicht (wie bei YouTube) auf einem Server gespeichert.

Video-Live-Streams werden der Tech-Trend des Jahres 2015 sein. Wie so oft entdeckten Jugendliche den Trend als erste. Im Winter war die Teenie-App YouNow in den Schlagzeilen, Ende Februar kam Meerkat – und jetzt Periscope, das unter Techies, Werbe- und Medienleuten binnen wenigen Tagen zum Lieblingsspielzeug wurde. Beschleuniger dieser Entwicklung war die App Meerkat, die strategisch klug kurz vor dem Tech-Festival SXSW im März im texanischen Austin auf den Markt geworfen wurde. Hipster und Nerds liefen mit ihren iPhones durch Austin und filmten sich mit verwackelten Bildern, weil das Datennetz dem Ansturm der Megabytes nicht standhielt.

Dass Twitter der Meerkat-App angesichts dieses Hypes den Zugang zudrehte, wundert nicht. Seitdem hat Meerkat nur noch einen sehr eingeschränkten Zugang zu Twitter-Nutzerdaten. Doch die Zahl der Nutzer stieg explosionsartig auf mehrere Hunderttausend.

Ende vergangener Woche schaltete Twitter sein Periscope frei. Der Kurznachrichtendienst gibt damit seiner Videostrategie eine neue Dimension: Der Sechs-Sekunden-Dienst Vine und „Video auf Twitter“ bieten Möglichkeiten, gespeicherte Inhalte zu teilen. Mit Periscope gibt es nun die Möglichkeit, bewegte Bilder live zu streamen. Jeder kann damit Livereporter eines Ereignisses werden und aktueller berichten als jeder Fernsehsender. Dies geschah in New York nur wenige Stunden, nachdem Periscope live ging, bloggt Gutjahr: Als dort ein Haus einstürzte, berichteten gleich mehrere Augenzeugen live per Periskope.

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