Übernahme

Großfusion mit reichlich Ketchup

Heinz und Kraft schließen sich zu einem Nahrungsmittelriesen zusammen. Auch Investor Warren Buffett mischt dabei kräftig mit

Der Legende nach begab sich Henry John Heinz im Jahre 1896 auf eine Geschäftsreise nach New York. Vor einer Schusterei blieb er stehen. Ein Schild pries „21 Styles of Shoes“ an. Das, dachte Heinz, ist eine gute Idee. Im Geiste zählte er seine Angebotspalette durch und kam auf mehr als 60 Produkte. Die Zahl gefiel ihm nicht so gut – stattdessen druckte er „57 Varieties“ auf seine Ketchup-Flaschen. Die Fünf und die Sieben waren seine Glückszahlen. Bis heute schmückt die 57 jedes Produkt des Konzerns.

Falsch war die 57 für die Summe der Heinz-Produkte schon immer. Jetzt hat sich die Zahl der zur Heinz-Familie gehörenden Marken sprunghaft erhöht. Das Traditionsunternehmen will sich mit Kraft Foods (Miracle Whip) zum drittgrößten Nahrungsmittel- und Getränkekonzern Nordamerikas zusammenschließen. Weltweit wird das Unternehmen mit einem Umsatz von 28 Milliarden Dollar (25 Milliarden Euro) auf Rang fünf liegen. Weltmarktführer ist der Schweizer Gigant Nestlé mit 95 Milliarden Dollar Jahreserlös.

Den Grundstein für das heutige Milliardenimperium legte Henry John Heinz, eines von acht Kindern einer aus Deutschland ausgewanderten Arbeiterfamilie. Schon als Kind erwies er sich als enorm geschäftstüchtig. Vom heimischen Garten in Sharpsburg brachte er Gemüse in das nahe gelegene Pittsburgh und verkaufte es an Lebensmittelgeschäfte. Als Zwölfjähriger bestand sein Imperium bereits aus einem Garten, einem Pferdewagen und einer kleinen Meerrettich-Produktion.

1876 gründete Heinz gemeinsam mit seinem Bruder und einem Cousin die F. & J. Heinz Company. 1888 zahlte er seine Geschäftspartner aus. Fortan firmierte das Unternehmen unter H.J. Heinz. Der Amerikaner hatte strikte Prinzipien. Als erster Nahrungsmittelfabrikant verkaufte er seine Produkte in Glasbehältern, damit die Kunden schon im Laden freie Sicht auf Ketchup, Meerrettich, eingelegte Gurken und die anderen Heinz-Produkte hatten.

Das war damals eine Innovation: Die Konkurrenz versteckte ihre Produkte in undurchsichtigen Konserven. Heute ist Heinz’ Verpackungsidee zum Standard in der Lebensmittelbranche geworden. Qualität war Heinz sehr wichtig. „Qualität ist für ein Produkt, was der Charakter für einen Mann ist“, soll Heinz’ Leitsatz gewesen sein.

Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten hielt Heinz nicht viel von den damals immer beliebter werdenden Konservierungsmitteln. Seit 1906 wird das Heinz-Ketchup ohne Konservierungsstoffe hergestellt. Reife Tomaten und Essig gehören zu den Hauptbestandteilen. Das genaue Rezept der Tomatensoße kennen laut Unternehmensangaben bis heute weltweit nur acht Menschen.

Erfinder Heinz war überzeugter Antialkoholiker und wollte verhindern, dass sein geliebtes Ketchup in zwielichtigen Spelunken auf den Tischen stand. Das könne schließlich den guten Ruf seiner Marke schädigen.

In seiner Freizeit zog er daher durch die Kneipen. Wenn er eine Heinz-Flasche erblickte, kaufte er sie dem Wirt ab und steckte sie ein. Auch Hygiene war dem Fabrikanten ein Anliegen. Damit seine Mitarbeiterinnen immer saubere Finger hatten, spendierte er ihnen einmal die Woche eine Maniküre. Jeder Arbeitstag begann für sie außerdem in Badezimmern mit Marmorwaschbecken, fließendem kaltem und heißem Wasser. Neben Qualität war ein enorm hoher Marketingetat das größte Erfolgsgeheimnis von Heinz. Auch erkannte er früh, wie wichtig Markenbildung ist. Statt sein Ketchup in anonyme Gläser zu füllen, druckte er sein berühmtes Heinz-Logo auf die Flaschen. 1907 produzierte der Unternehmer bereits 13 Millionen Flaschen Ketchup pro Jahr und exportierte nach Afrika, Europa, Südamerika, Asien und Australien.

Politiker statt Manager

Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1909 war der Konzern lange in Familienhand: Sein Sohn Howard Heinz führte das Unternehmen bis 1941, dann übernahm sein Enkel Henry John Heinz II bis 1987. Erbnachfolger wäre eigentlich Heinz’ Urenkel John Heinz III gewesen.

Doch dieser entschied sich stattdessen für ein Leben als Berufspolitiker. Der langjährige Senator starb 1991 beim Absturz seines Privatflugzeugs. Seine Witwe Teresa ist heute mit US-Außenminister John Kerry verheiratet.

Die Mehrheit an Heinz halten seit 2013 Starinvestor Warren Buffett und die brasilianische Private-Equity-Firma 3G. Gemeinsam hatten sie Heinz vor zwei Jahren für 23,2 Milliarden Dollar gekauft. Abgeschlossen werden soll die Übernahme von Kraft in der zweiten Jahreshälfte. Sie soll bis Ende 2017 eine jährliche Ersparnis von 1,5 Milliarden Dollar bringen. Als Geschäftsführer ist Heinz-Vorstandschef Bernardo Hees vorgesehen. Kraft-Chef John Cahill soll Vizechef des Aufsichtsrats werden.