Zugverkehr

Bahn startet 19-Euro-Offensive

Neue Fernstrecken und Haltepunkte in mittelgroßen Städten: Mit diesen Reformen sollen Bussen Kunden abgejagt werden

Monatelang hat der Bahnvorstand an einem Konzept gearbeitet, das den massiven Schwund der Kunden im Fernverkehr aufhalten soll. Seit Mittwoch liegt das Programm vor, es sieht Milliardeninvestitionen in den ICE- und IC-Verkehr vor. Fünf Millionen Einwohner sollen durch neue Strecken und Haltepunkte neu ans Fernverkehrsnetz angeschlossen werden, 50 Millionen zusätzliche Reisende pro Jahr erhofft sich die Bahn dadurch – wenn das Konzept von den Fahrgästen angenommen wird. Viele Forderungen, die regelmäßige Bahnfahrer und Fahrgastverbände vorbringen, werden erfüllt. Der Haken daran ist, dass viele erst in einigen Jahren umgesetzt werden sollen. Und bei den entscheidenden Punkten macht die Bahn gar keine Zeitangaben oder verweist auf die Langfristplanung „bis 2030“.

Kurzzeit-Bahncard kommt

Relativ schnell, nämlich noch in diesem Jahr, kommt, wie vorab spekuliert wurde, die Bahncard, die nur drei Monate gilt – und entsprechend günstiger ist. Alle bestehenden Bahncards bleiben erhalten. Zum Preis dieser Karte machte die Bahn noch keine Angaben. Ab Ende 2016 ist es möglich, Tickets für noch vorhandene Sparpreise bis kurz vor Abfahrt des ICE- und IC-Zuges zu lösen. Die bisherige Vorkaufsfrist bis zum Tag vor der Reise entfällt damit. Die Sitzplatzreservierung soll künftig auch in der zweiten Klasse im Ticketpreis inbegriffen sein. Ab wann das gilt, steht noch nicht fest.

Mit dem Einsatz der neuen IC-Flotte sollen auch die Preise deutlich sinken. In den Doppelstock-ICs, die die Bahn bei Bombardier bestellt hat, wird es Sparpreise für Fernstrecken ab 19 Euro geben. Darüber hinaus soll es möglich sein, auf bestimmten Strecken in diesen IC-Zügen auch Nahverkehrstickets zu nutzen. Die neuen Wagen werden kein Bordrestaurant haben, aber ein einfaches Speise- und Getränkeangebot. Dafür soll dort moderne Bordtechnik für die Nutzung von Telefon und Internet über Mobilfunk verfügbar sein. Die Fahrradmitnahme ist künftig in allen Zügen des IC-Netzes möglich. Das Problem ist nur, dass die Bahn dafür keinen Zeitplan angibt. Die neuen Doppelstockwagen sollten längst in Dienst gestellt sein, aber Hersteller Bombardier hatte immer wieder technische Probleme. Nun ist geplant, sie ab Ende dieses Jahres auf die Schiene zu bringen. Allerdings auch dann nur einen Teil der bestellten Flotte. Bis die 120 Züge die alten IC-Reisezugwagen ersetzt haben, vergehen nach Bahnplanung 15 Jahre.

Fahrgastverbände hatten die Doppelstockwagen übrigens im Vorfeld stark kritisiert. Zu eng, zu wenig Platz für Gepäck gäbe es, so die Einwände. Die Polsterung der Sitze sei nicht fernzugtauglich. Bahn und Bombardier hatten die Kritik als unzutreffend zurückgewiesen. Da die Doppelstock-ICs ihre Wirkung erst in 15 Jahren voll entfaltet haben, wird es wohl einige Zeit dauern, bis das neue InterCity-Netz so eng gesponnen ist, wie die Bahn nun ankündigt. Laut den DB-Plänen sollen nahezu alle deutschen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern im Takt von zwei Stunden an das Fernverkehrsnetz angeschlossen werden. Neu oder wieder angefahrene IC-Halte sind beispielsweise Chemnitz, Cottbus, Fürth, Heilbronn, Potsdam und Siegen. Weitere 30 Großstädte, darunter Dresden, Magdeburg, Oldenburg, Rostock und Schwerin, erhalten deutlich verbesserte Fernverkehrsanschlüsse. Dazu kommen laut Plan nochmals 15 neue IC-Halte in Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern, darunter Brandenburg/Havel, Plauen, Tübingen, Wetzlar und Zwickau. Insgesamt würden rund fünf Millionen Menschen von den neuen Fernverkehrsverbindungen vor der Haustür profitieren, heißt es bei der Bahn.

Möglichst wenig umsteigen

„Die 190 neuen Direktverbindungen aus der Fläche in die 50 größten deutschen Städte tragen dem Bedürfnis unserer Kunden Rechnung, auch weiter entfernte Ziele möglichst ohne Umstieg erreichen zu können“, sagt Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg. Durch die umsteigefreien neuen Verbindungen wie beispielsweise Hannover-Potsdam, Dresden-Rostock oder Chemnitz-Düsseldorf hofft die Bahn auf eine Verdopplung der Reisendenzahlen auf diesen Strecken.

Die Fernbusbetreiber werden dem Treiben der Bahn nicht tatenlos zusehen. Eine neue Busstrecke ist innerhalb weniger Wochen aus der Taufe gehoben. Und dass die Busunternehmen komplexere Verbindungen mit Umstiegen anbieten, also so das Netz enger spinnen, ist eine reine Zeitfrage.

Die Bahn will mit noch schnelleren Verbindungen dagegenhalten. Bahnchef Grube weiß: Einen Preiskrieg gegen die Fernbusse kann das Unternehmen nicht gewinnen, die Bahn wird immer teurer sein. Und mehr Service allein bringt auch nicht genug Punkte. Die Bahn braucht neue Strecken und Halte, mehr Komfort und schnellere Verbindungen, um gegen die Busse eine Chance zu haben. Deshalb soll auch das ICE-Netz ausgebaut werden. 150 Fahrten, die derzeit mit IC-Zügen stattfinden, werden in das neue ICE-Netz integriert.