Banken

Die nächste Zinssenkungswelle rollt bereits

Alle Top-Tagesgeldanbieter lassen die Rendite für Kunden sinken. Kurzfristsparer erhalten sieben Milliarden Euro weniger als 2009

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kostet Bankkunden immer mehr Geld. Wird Sparern schon heute bei den meisten Filialbanken kein Zins mehr für ihr Tagesgeld gutgeschrieben, reduzieren nun auch die Spezialisten in diesem Bereich weiter die Zinssätze. Von den fünf Erstplatzierten auf der Rangliste des Datenanbieters Biallo senken vier in dieser Woche den Satz, einer wird zum 1. April folgen.

„Unsere Kundeneinlagen müssen nicht mehr steigen, die Refinanzierungsalternativen sind für uns derzeit sehr attraktiv“, sagte Frank Witter, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Financial Services – sprich, der Finanzdienstleister des Autobauers kann dank des allgemein niedrigen Zinsniveaus an den Kapitalmärkten sehr günstig Geld einsammeln und ist nicht auf noch mehr Geld der Sparer angewiesen. Die Kunden der beiden zum Konzern gehörenden Institute Audi Bank und Volkswagen Bank bekamen dies bereits am Dienstag zu spüren. Wer länger als vier Monate dabei ist, erhält statt 0,5 Prozent nur noch 0,4 Prozent pro Jahr. Nur allen Neukunden wird in den ersten vier Monaten weiterhin ein Satz von 1,1 Prozent garantiert.

Am Donnerstag folgt die Direktbanktochter der russischen Sberbank. Sie wird den Tagesgeldzins von 1,3 Prozent auf 1,1 Prozent senken. Unterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden gibt es hier nicht. Am Freitag tritt dann die ING Diba in Aktion. Der Marktführer im Tagesgeldgeschäft zahlt seinen treuen Kunden nur noch 0,6 Prozent statt 0,8 Prozent, Neukunden werden mit 1,0 Prozent statt 1,25 Prozent gelockt. Der Fünfte im Bunde, die Direktbank des Finanzdienstleisters Wüstenrot, geht einen noch drastischeren Weg. Sie wird nur noch bis Monatsende auf den vorderen Plätzen der Tagesgeldrangliste zu finden sein. Ab dem 1. April schreibt der Anbieter auch Neukunden lediglich noch 0,25 Prozent gut – bis jetzt sind es 1,25 Prozent per annum.

Nun mag ein Zinsschritt von 0,8 Prozent auf 0,6 Prozent, wie bei ING Diba, aus Kundensicht nicht besonders groß sein – bislang gibt es wenig, künftig gibt es weniger, mögen sich viele sagen. Doch nimmt man die Gesamteinlagen, geht es um sehr viel Geld. Ende 2014 hatten ING-Diba-Kunden 93 Milliarden Euro auf das Extrakonto eingezahlt. Das bedeutet: Auf das Jahr gerechnet muss die Direktbank ihren Tagesgeldkunden künftig annähernd 200 Millionen Euro weniger zahlen als bislang. Volkswagen Financial Services spart durch seinen Minischritt von 0,5 Prozent auf 0,4 Prozent immerhin 25 Millionen Euro pro Jahr.

Ein Blick auf die Bundesbankstatistik macht das ganze Ausmaß der Niedrigzinspolitik deutlich. Vor sechs Jahren konnten sich deutsche Sparer noch über rund sieben Milliarden Euro mehr Zinsen pro Jahr freuen. So lag der Durchschnittszins auf täglich fällige Einlagen Anfang 2009 bei 1,77 Prozent. 530 Milliarden Euro hatten private Haushalte damals bei Banken eingezahlt. Das heißt: Ihnen wurden pro Jahr 9,4 Milliarden Euro überwiesen. Anfang 2015 können die Kunden trotz deutlich gestiegener Einlagen lediglich mit 2,5 Milliarden Euro rechnen. Die Bundesbank beziffert die Gesamteinlagen zwar auf mehr als eine Billion Euro, der Durchschnittszins beträgt allerdings lediglich noch 0,25 Prozent.

Keine Trendwende zu erwarten

Wie es weitergeht, lässt sich schwer sagen. Kein Prophet muss man für die Aussage sein, dass die Eins vor dem Komma bald bei allen Anbietern verschwunden sein wird. Denn mit steigenden Marktzinsen ist nicht zu rechnen. „Wir erwarten keine signifikanten Veränderungen der Zinslandschaft in den für uns wesentlichen Märkten“, sagte Witter von Volkswagen Financial Services. Dass er in der Tagesgeldrangliste abrutschen wird, befürchtet er nicht. Die beiden Autobanken des Konzerns würden sich weiterhin mit dem Markt bewegen. Bei Wüstenrot trauert man dem bisherigen Top-5-Platz nicht hinterher. Das Toptagesgeldangebot sei von vorneherein auf ein Zeitfenster vom 16. Januar bis zum 31. März ausgelegt gewesen. „Solche kurzfristigen Angebote sind branchenüblich“, so ein Wüstenrot-Sprecher.

Die Finanzdienstleister können dem ganzen so lange gelassen entgegensehen, wie die Kunden ihr Geld auf den Tagesgeld- und Girokonten horten. In den zurückliegenden Jahren stieg das Volumen weiter an. Einige Direktbanken versuchen nun mit Macht, ihre Kunden zum Umdenken zu bewegen. So initiierten große Direktbanken mit der Deutschen Börse zu Wochenbeginn den „Tag der Aktie“, Kunden konnten alle Dax-Aktien und acht Dax-Indexfonds gebührenfrei kaufen. Ziel war es, den Fokus wieder auf das von vielen Menschen seit Jahren geschmähte Wertpapiergeschäft zu lenken.