Gründerzeit

Einer filmt – die ganze Welt schaut live zu

Jürgen Stüber über Teenies und Techies, ihre Lieblings-Apps und ihren Drang zur Selbstdarstellung

Das Netz hat seinen neuen Hype: Live-Video. Einer filmt, das Netz schaut gleichzeitig zu. YouNow und Meerkat heißen die angesagten Onlineplattformen für iPhones. Bei der ersten kommt der Livestream vor allem aus Kinderzimmern. Bei der zweiten stehen überwiegend Techies vor und hinter der Kamera. Beide Apps sind simpel. Der Livestream startet auf Knopfdruck. Registrierte Nutzer können Kommentare abgeben. Beide Apps bedienen die gleichen Bedürfnisse: Sie bieten dem Broadcaster eine Bühne zur Selbstdarstellung. Und sie sind sozial, weil sie ihm die Gelegenheit bieten, andere an seiner Sicht der Welt teilhaben zu lassen und mit ihm in Kontakt zu treten. Bei YouNow sind es vor allem Teenager, die in ihren Kinderzimmern vor der Webcam posen und mehr oder weniger freizügig mit ihren Freunden chatten, was vor allem Daten- und Kinderschützer auf den Plan gerufen hat.

Die Plattform wächst in ihrer Nische rasant. Hier sind die Teenies unter sich – anders als bei Facebook, wo Oma und Opa mitlesen. Und hier können sie von einer Karriere als Streaming-Star träumen, von denen die Besten auf YouTube reich geworden sind. Es werden pro Tag weltweit 100.000 Streams gesendet, die im Durchschnitt 30 Minuten lang sind und anscheinend immer beliebter werden. YouNow zählt zurzeit jeden Monat 100 Millionen Besuche. Der Durchschnittsnutzer sieht pro Woche zwei Stunden Livestream an.

Meetkat ist davon meilenweit entfernt. Mitte März 2015 hatten sich gerade einmal 100.000 Netznutzer bei dem Streamingdienst registriert. Allerdings ist die Plattform auch erst einige Tage alt. Dennoch erreichen populäre Broadcaster schon erstaunliche Reichweiten. Den Stream des Kult-Videobloggers Gary Vaynerchuk etwa sahen in der Nacht zu Sonntag mehr als 1400 Zuschauer. Sie saßen in aller Welt an ihren iPhones und beobachteten ihn, wie er bei dem Internetfestival SXSW in Austin (USA) einen Vortrag hielt, danach Interviews gab, sich mit Fans unterhielt und über die Messe ging.

Dabei zu sein, ist das Entscheidende. Die neuen Video-Apps bedienen die gleichen Bedürfnisse wie das Realityfernsehen. Was sie aber von Dschungelcamp, Big Brother und Newtopia unterscheidet: Es gibt keinen Schnitt und es gibt kein Drehbuch. Wer ein Smartphone besitzt, hat auch eine Kamera und damit die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge zu zeigen. Insofern demokratisiert Livestream die Welt der Nachrichten und der Unterhaltung.

Genau wie es bei Twitter war, dem Erfinder des Echtzeitweb. Der Kurznachrichtendienst schaffte seinen Durchbruch im Jahr 2007 auf der SXSW. Acht Jahre danach ist in Austin Meerkat zu seinem Siegeszug angetreten – um eine Art Twitter für Video zu werden. Twitter, das mit seinem gekauften Start-up Periscope selbst Videos machen will, passt das nicht und hat Meerkat deshalb den Datenhahn zugedreht.

Am Ende dauert das Schreiben dieser Kolumne dann doch länger als erwartet. Zwischendurch meldet sich das iPad mit der Nachricht, dass Dennis Crowley, dem ich auf Twitter folge, live ist. Der Foursquare-Gründer läuft einen Halbmarathon in New York. Die Bilder sind verwackelt, das Netz ist schlecht. Das Video ruckelt. Aber ich bin zumindest virtuell dabei. Und das Video lenkt mich ab. So geht Meerkat.

Alle Kolumnen und weitere Blogbeiträge unter http://gruenderzeit.morgenpost.de