Hochschulbildung

Digitale Doktoranden

Überfüllte Hörsäle, langweilige Seminare: US-Hochschulen bieten immer mehr Kurse im Netz an

Eine Universität, was ist das? Wenn man Ben Nelson fragen würde: eine recht klägliche Veranstaltung. Das Modell der Wissensvermittlung ist immer noch die Vorlesung, die Menschen, die die Studenten unterrichten, haben das Unterrichten nie wirklich trainiert und sehen oft gar nicht ein, dass sie es müssten. Ben Nelson ist Multimillionär. Als der Foto-Onlinedienst Snapfish, dessen Vorsitzender er war, 2005 für 300 Millionen Dollar an Hewlett-Packard verkauft wurde, zog er sich mit seinem Anteil lange zurück, um sich die Universität der Zukunft auszudenken. Das neue Start-up des 39-Jährigen heißt Minerva, ist seit wenigen Monaten in San Francisco am Start und verspricht nichts weniger als die Revolutionierung des universitären Lernens.

Was macht Minerva anders als traditionelle amerikanische Colleges? Das meiste. Nelson lässt seinen Lehrkräften erst einmal beibringen, wie man Wissen so vermittelt, dass es nicht in ein Ohr hinein und zum anderen wieder hinausgeht. Er hat sich vorgenommen, die Erkenntnisse der Lernforschung zu beherzigen. Stephen M. Kosslyn, ein ehemaliger Harvard-Dekan, der bei Minerva für das pädagogische Programm zuständig ist, hält nichts von der romantischen Vorstellung, dass Unterrichten eine Kunst ist: „Es ist eine Wissenschaft. Punktum.“ Und die Wissenschaft habe nun einmal ergeben, dass nicht viel dabei herumkommt, wenn jemand ohne viel Training ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Studenten bespricht.

Flexibilität beim Studieren

Noch etwas macht Minerva anders. Die Studenten werden von Anfang an als Menschen behandelt, die sowohl den Ehrgeiz, schlauer zu werden, als auch die Kompetenz haben, das in Eigenverantwortung zu schaffen. Deswegen lernen die Einsteiger die Anfangsgründe ihrer Wissenschaften selbstständig zu Hause, indem sie sich Videos von Vorlesungen ansehen oder Lehrbücher durchackern. Das gewährt ihnen eine Flexibilität, die sich mit ihrem Lebensstil und ihren Eigenheiten verträgt – und erspart dem Personal, Semester für Semester dasselbe Lied zu singen. Es ist ja nicht so, dass ein Wissenschaftler nichts Interessanteres zu tun hätte, als sein Leben lang Statistik I vorzutragen.

Minerva hat gerade erst begonnen, doch Nelson hat viel vor. Er will auf der ganzen Welt Filialen seiner neuen Uni eröffnen (auch in Berlin), überall mit erstklassigen Lehrern, hoch talentierten Studenten, und das alles für, an amerikanischen Maßstäben gemessen, erstaunlich wenig Geld. Er verzichtet nämlich auch auf Statussymbole wie tolle Studentenhäuser oder Bibliotheken, die sich viele Universitäten in den USA leisten, um Studenten anzuziehen – und die die Verwaltungskosten in die Höhe treiben.

Nelson ist nicht der Einzige, der sich intensiv den Kopf darüber zerbricht, wie man die universitäre Bildung verbessern könnte. Einige der interessantesten Gründungen der vergangenen Jahre haben im Bildungsbereich stattgefunden. Unternehmen wie Coursera oder Udacity versuchen, mit sogenannten Moocs („Massive Open Online Courses“) Geld zu verdienen. Dabei werden Videos von Lehrveranstaltungen – auch von renommierten Universitäten – mit Leselisten, Unterrichtsmaterial und Anbindung an virtuelle Lerngruppen ins Internet gestellt. In der Regel kann jeder kostenlos zusehen, für Teilnahmebestätigungen und Zertifikate werden Gebühren erhoben. Das Interesse an solchen Kurse ist immens. In den USA haben bereits viele Millionen Menschen Moocs belegt, an einer vom deutschen Stanford-Professor Sebastian Thrun gehaltenen Vorlesung nahmen neben seinen Studenten online zusätzlich 160.000 Interessierte teil. Auch wenn nur ein geringer Bruchteil von ihnen Zertifikate erwirbt, ahnt man, wie viel ökonomisches Potenzial in diesem Modell der Bildung steckt.

Dass sich so viele Menschen dafür interessieren, wie sich Hochschulbildung reformieren oder gar revolutionieren ließe, hat die unterschiedlichsten Gründe. In den USA hat es viel mit der Wirtschaftslage zu tun. Mittlerweile ist das Studium an guten Universitäten so kostspielig, dass man als Student aus der Mittelschicht sehr lange Kredite abbezahlen muss, während ein akademischer Abschluss längst nicht mehr einen gut bezahlten Beruf garantiert. Die Folge: Die Einschreibungen sinken.

Universitäten im Wandel

Dazu kommt: Wenn das Internet es geschafft hat, die Medien, die Musikindustrie, die Tourismusbranche, das Taxigewerbe oder den Buchhandel anzugreifen, warum sollte es dann den Universitäten gelingen, der Gewalt der Digitalisierung zu entgehen? So könnte es durchaus sein, dass über kurz oder lang junge Menschen nicht mehr einsehen, warum sie sich in überfüllte Hörsäle setzen sollen, wenn sie sich ihr Wissen doch auch von Koryphäen aus dem Internet saugen können, ob die nun in Deutschland, Indien oder England sitzen. Und möglicherweise geben Unternehmen irgendwann nicht mehr so viel wie auf die akademischen Grade ihrer Bewerber. Jeder, der einen Internetanschluss hat, kann mittlerweile Harvard- oder Humboldt-Professoren zuhören, egal, wo er lebt, egal, wie begütert oder wie beschäftigt er mit seinem Leben ist. Selbstverständlich bekommt man keinen Abschluss dafür, wenn man seine freien Abende damit verbringt, sich auf YouTube Videos über Kunstgeschichte oder Atomphysik reinzuziehen, aber es gibt einem Gelegenheiten zu jener lebenslangen Bildung, die viel zu oft nur beschworen wird.