Energie

Eon will modernstes Gaskraftwerk abschalten

Wegen Energiewende droht Irsching das Aus. Dort steht eine Turbine aus Berlin

Auch Spitzenleistungen deutscher Ingenieurskunst bewahren offenbar nicht vor dem Aus, auch SGT5-8000H nicht. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich eine Gasturbine, Weltrekordhalterin aus Berlin und Vorzeigeprodukt des Siemens-Konzerns. Sie steht im Gaskraftwerk im bayerischen Irsching und bereitet dem Energiekonzern Eon wenig Freude, weil sie die meiste Zeit des Jahres nicht das tun kann, was sie tun soll: Strom produzieren. Zu viel Strom ist am Markt, die Preise sind niedrig, das Kraftwerk ist daher wirtschaftlich kaum zu betreiben. Deshalb denken die Betreiber darüber nach, das Gaskraftwerk ganz stillzulegen. Was wie eine unternehmerische Überlegung aussieht, hat allerdings einen hochpolitischen Hintergrund.

„Wir prüfen derzeit die Situation und die Perspektive für die Kraftwerke“, sagte Eon Konzernsprecher Carsten Thomsen-Bendixen. Entschieden sei noch nichts. Die Analyse betrifft die Zeit nach März 2016. Bis dahin läuft ein Vertrag mit Netzbetreiber Tennet aus. Die beiden Kraftwerksblöcke erzeugen auf Wunsch Tennets Strom, um das Netz in Süddeutschland zu stabilisieren. Das ist, vereinfacht gesagt, dann nötig, wenn zum Beispiel zu wenig Wind weht oder die Sonne nicht ausreichend scheint, um genug Strom zu erzeugen. Im vergangenen Jahr liefen die beiden Blöcke ausschließlich für die Netzstabilität, Strom für den Markt lieferten sie nicht.

Technologisch gehören die Blöcke 4 und 5 der Anlage in Irsching zu den modernsten weltweit. Die Berliner SGT5-8000H im Block 4 erzielte 2011 den Weltrekord in Energieeffizienz: Sie wandelte 60,75 Prozent des eingesetzten Gases in Strom um. Und sie könnte rund 2,2 Millionen Haushalte versorgen. Die Turbinen im Block 5, ebenfalls von Siemens Berlin, erreichen knapp 60 Prozent Wirkungsgrad. Beide Blöcke zusammen haben eine Leistung von fast 1400 Megawatt – wenn sie denn vollausgelastet wären. Gekostet hat die Anlage mehr als eine Milliarde Euro.

Block 4, benannt nach Ulrich Hartmann, dem Manager, der den Konzern zu dem machte, was er heute ist, gehört Eon, Block 5 Eon und den Versorgern N-Ergie (Nürnberg), Mainova (Frankfurt/Main) und HSE (Darmstadt). Betrieben werden beide Blöcke von Eon. Irsching hat N-Ergie bereits mehr als 40 Millionen Euro Verlust gebracht, wie eine Sprecherin des Unternehmens sagte. Eon nannte keine Zahlen. Geld verdient der Konzern aber nicht mit den Anlagen, die erst 2010 (Block 5) und 2011 (Block 4) ans Netz gegangen sind. Über die Stilllegung entschieden werden soll noch im März. Und auch, wenn jetzt noch intensiv geprüft wird, scheint klar, dass der Stecker gezogen wird. Die Unternehmen müssen das Aus ein Jahr im Voraus bei der Bundesnetzagentur anmelden.

Die beiden Blöcke in Irsching sind zum Symbol für Fehlentwicklungen in der Zeit der Energiewende geworden. Moderne Gaskraftwerke sollten eine Stütze des Systems werden. Sie stoßen weniger klimaschädliches Kohlendioxid aus als Kohlekraftwerke, vor allem die großen Turbinen aus dem Siemens-Werk in der Moabiter Huttenstraße. Der Betrieb solcher Gaskraftwerke lohnt sich aber kaum noch, weil wegen des Ausbaus des Ökostroms und der Überkapazitäten die Strom-Großhandelspreise drastisch gefallen sind. Weil Gas als Brennstoff teurer ist als Kohle, fahren viele Versorger ihre Anlagen zurück, während Kohlekraftwerke gut ausgelastet sind.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) kündigte bereits an, die Bundesnetzagentur werde eine Stilllegung von Irsching untersagen. Sollte sie einen Weiterbetrieb anordnen, greift die Reservekraftwerksverordnung vom Juni 2013. Danach könne man aber mit neuen modernen Anlagen, die noch nicht abgeschrieben seien, was auf Irsching zutrifft, nicht kostendeckend arbeiten. Möglicherweise werden die Betreiber klagen. Gabriel sagte, im Falle eines Weiterbetriebs werde dieser auch vergütet.