Tankstellen

Im Land der Autofahrer

Deutsche tanken wieder häufiger. Die Tankstellen verdienen aber nicht nur am Sprit

Deutschland wird wieder zu einem Land der Autofahrer: Weil Benzin und Diesel im vergangenen Jahr günstiger waren, tankten die Deutschen zum ersten Mal seit Jahren wieder öfter. Marktführer Aral hat im Schlussquartal 2014 nach eigenen Angaben rund drei Prozent mehr Benzin verkauft – im Unterschied zu einem Rückgang um zwei Prozent im Vorjahreszeitraum. Auch Diesel legte in ähnlicher Höhe zu. „Unser Kraftstoffabsatz lag im Winter und auch zum Jahresanfang 2015 erstmals über den Vorjahreswerten“, sagte Aral-Vorstandschef Stefan Brok bei der Vorlage der Jahreszahlen. Einfluss auf den Absatz hatten aber auch die Streiks bei der Bahn und Lufthansa: „An den Wochenenden haben wir das beim Dieselabsatz deutlich gespürt, weil mehr Fernbusse unterwegs waren“, sagte Brok. An einigen Stationen war der Kraftstoff für ein paar Stunden schon mal ausverkauft.

Im Jahresdurchschnitt 2014 waren Benzin um sechs Cent und Diesel um sieben Cent günstiger als im Vorjahr. Hauptgrund war der um die Hälfte niedrigere Rohölpreis: Im zweiten Halbjahr 2014 kostete das Fass Rohöl, in Dollar gerechnet, 46 Prozent und in Euro 38 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

An den Tankstellen hat dies zu Rekord-Niedrigpreisen von bis zu 99 Cent je Liter Diesel geführt – und zu immer häufigeren Preisänderungen. Laut der Statistik von Aral gab es im Durchschnitt fünf Veränderungen am Tag: drei bis vier Preissenkungen um durchschnittlich zehn Cent und anschließend im Tagesverlauf Erhöhungen in ähnlicher Höhe. Die vom Bundeskartellamt eingeführte Markttransparenzstelle, die alle Preisdaten der rund 14.500 Tankstellen sammelt und Dienstleistern wie dem ADAC oder clever-tanken.de zur Verfügung stellt, hat damit nicht zu konstanteren Preisen geführt. „Die Schwankungen sind noch dynamischer geworden“, sagte Aral-Manager Brok.

Dieselabsatz deutlich gestiegen

Alle deutschen Tankstellen zusammen haben im vergangenen Jahr rund 35 Millionen Tonnen Kraftstoff verkauft: 18 Millionen Tonnen Benzin und 17 Millionen Tonnen Diesel. Beim Benzin entspricht das dem Vorjahreswert – weil die Benzinmotoren aber immer weniger verbrauchen, steht dahinter eine höhere Fahrleistung in Jahreskilometern. Der Dieselabsatz stieg dagegen deutlich um drei Prozent. Der Grund: Es wurden mehr Dieselautos verkauft, und es wurde mehr Gütertransport per Lkw abgewickelt. Diese Trends werden sich nach Einschätzung der Branchenmanager auch in diesem Jahr fortsetzen. Auf die BP-Tochtergesellschaft Aral entfielen davon 2,8 Millionen Tonnen Benzinabsatz und 4,4 Millionen Tonnen Diesel. Damit ist Aral nach Berechnungen des Energie-Informationsdienstes mit 21 Prozent Marktanteil vor Shell mit 19,5 Prozent der größte Tankstellenkonzern in Deutschland.

Für den Pächter ist jedoch nicht der Benzinverkauf, sondern der Tankstellenshop der wichtigste Teil seines Geschäftes: 63 Prozent seines Einkommens bezieht er aus dem Shop und der Autowäsche. Die Bedeutung zeigt diese Zahl: Zwei von drei Kunden fahren nur zum Shopeinkauf an eine Aral-Tankstelle. Im Durchschnitt verdient ein Tankstellenpächter bei Aral 60.000 Euro im Jahr – nach Abzug aller Betriebskosten und vor seinen persönlichen Steuern. Dahinter steht eine Station mit durchschnittlich 15 Angestellten, etwa zwölf Millionen Euro Umsatz und rund fünf Millionen Liter Kraftstoffabsatz. Neben Zigaretten und Zeitungen ist vor allem der Verkauf von Kaffee zur festen Umsatzgröße geworden: 30 Millionen Tassen verkauften Aral-Stationen 2014, das waren acht Prozent mehr als im Vorjahr.

Um das Shopgeschäft weiter auszubauen, testet Aral derzeit an zehn Stationen eine Zusammenarbeit mit dem Einzelhändler Rewe: Dort gibt es neben Salaten, Obst, Nudel- und anderen warmen Gerichten auch Waren aus dem Supermarkt wie Müsli, Pasta oder Konserven. Der wichtigste Unterschied ist jedoch: „Hier sind die Waren nicht so teuer wie sonst an den Tankstellen“, sagte Aral-Manager Brok.

Der Ölkonzern wolle damit auf die immer mobilere Gesellschaft reagieren: Rund die Hälfte seiner Wege legt der Deutsche mit dem Auto zurück. Doch ob die Kundschaft die neuen Läden unter dem Namen „Rewe to go“ annimmt und dort verstärkt einkauft, dazu schweigt sich Aral bislang aus. Komme der Test an, solle es wesentlich mehr solcher Stationen geben, heißt es dazu lediglich.