E-Commerce

Das nächste große Ding

Delivery Hero erobert von Berlin aus die Welt der Online-Bestelldienste. In vielen Ländern können Kunden in 90.000 Restaurants Essen ordern

Sie sieht recht beeindruckend aus, die Karte: Es gibt zwar ein paar blaßgraue Flecken, aber Europa, Asien, Aust-ralien, Mittel- und Südamerika sind entweder blau oder rot. Rot steht für die Firma Delivery Hero, blau für Foodpanda – und über allem die Zeile: Vertreten in 64 Ländern und Nummer 1 in 50. Die Karte eines globalen Marktführers, in diesem Fall für Online-Essensbestellung und gesteuert aus Berlin.

Die Karte findet sich auf Seite 29 einer sehr umfangreichen Präsentation des Berliner Unternehmensentwicklers Rocket Internet, der sich vor nicht knapp zwei Wochen einen 30-Prozent-Anteil an Delivery Hero für 496 Millionen Euro gesichert hat und seine Beteiligungen an den Bestelldiensten in einer Holding gebündelt hat. Kommt also die Fusion? Und wann übernimmt Rocket Internet, für seine Gradlinigkeit und auch Aggressivität bekannt, Delivery Hero komplett? Niklas Östberg lächelt fein. Das Unternehmen profitiere vom Wissen Rocket Internets, man habe ähnliche Ideen, sagt der Chef und Mitgründer von Delivery Hero. Mehr sei da nicht. „Ein reiner Finanzinvestor.“

Östberg sitzt in seinem Büro in der vierten Etage der Zentrale an der Mohrenstraße in Mitte, keine Krawatte, lässiger Haarschnitt. Der Mittdreißiger wirkt nicht wie der Chef eines der spannend-sten Berliner Unternehmen, spannend vor allem, weil Delivery Hero nach Rocket Internet und dem Online-Kleidungshändler Zalando, beide seit Herbst an der Börse, das nächste große Ding aus Berlin sein könnte.

Seite macht Vorschläge

Delivery Hero ist ein Online-Bestelldienst. Kunden können sich anmelden, ein Profil mit ihren Vorlieben anlegen und dann über eine der Online-Seiten des Unternehmens bestellen. Wobei die Seite auch Vorschläge macht, was für den hungrigen Kunden interessant sein könnte. Bestellt der Kunde, bekommt das betreffende Restaurant einen Auftrag und muss dann liefern. Der Kunde bezahlt online bei Delivery Hero, das das Geld an das Restaurant weiterleitet, oder an der Tür den Lieferfahrer. Delivery Hero nimmt für die Vermittlung einen Anteil am Umsatz.

Das Unternehmen ist in Mitteleuropa, Skandinavien und Großbritannien sowie China, Australien und Südamerika vertreten. Foodpanda, das mehrheitlich zu Rocket Internet gehört, verfolgt ein ähnliches Konzept, konzentriert sich aber vor allem auf Schwellenmärkte. Im Herbst hatten beide Unternehmen sich wechselseitig Beteiligungen in Asien und Südamerika verkauft, um in einigen Ländern nicht mehr gegeneinander anzutreten. Eine engere Zusammenarbeit der Unternehmen, auch wenn sie Rocket Internets Weltkarte andeutet, ist nicht geplant, wie Östberg sagt. Das sehe auf einer Karte natürlich alles ganz nett aus. Mehr sei da aber auch nicht. Jedenfalls nicht heute, denn: „Wir sind immer offen für Wachstum.“ Allerdings geht es ihm vor allem um Wachstum aus eigener Kraft. Der ein oder andere Zukauf ist natürlich nicht ausgeschlossen, zurzeit aber nicht geplant. Und dann sagt er noch, dass Delivery Hero zehn- bis 15-mal größer sei als Foodpanda.

Nach eigenen Angaben lässt sich über eines der Internetportale von Delivery Hero, in Deutschland Lieferheld und pizza.de, Essen in mehr als 90.000 Restaurants weltweit bestellen. Im vergangenen Jahr orderten die Kunden Essen für rund 656 Millionen Euro über Delivery Hero. 2015 soll sich dieser Wert verdoppeln, wie Östberg sagt.

In Deutschland ist das Unternehmen Marktführer vor der niederländischen Takeaway-Gruppe (Lieferservice, Lieferando), in anderen Ländern wie Schweden und Südkorea ebenfalls. Wobei der Anteil des Online-Geschäfts am Bringdienstmarkt noch recht gering ist, künftig aber deutlich zulegen soll. Für 2019 rechnet etwa Rocket Internet weltweit mit einem Wert von 90 Milliarden Euro.

In diesem Umfeld ist Platz für mehrere Unternehmen, Experten sehen aber nur langfristige Überlebenschancen für die Nummer eins und zwei, wenn überhaupt. Und so muss Delivery Hero wachsen, um nicht von einem Konkurrenten überholt zu werden. Wachstum braucht Geld. Von den zehn bis 15 Prozent am Umsatz der Restaurants lässt sich die Expansion nicht bezahlen, zumal Delivery Hero nicht nur die Bestellungen über seine Internetseiten bietet, sondern auch Software liefert, Daten analysiert, um den Service der Restaurants zu verbessern, und auf Wunsch auch ganze Abrechnungssysteme bereitstellt. Östberg will das Preisniveau für den Service beibehalten, der Gewinn soll über das hohe Volumen kommen: je größer die Zahl der Kunden und Restaurants, desto größer die Einnahmen.

Wenn das Geld fürs Wachstum nicht aus dem laufenden Geschäft kommt, dann muss Delivery Hero es sich anderweitig beschaffen. Im April 2014 hatte Östberg verkündet, Delivery Hero wolle 2015 bereit sein für einen Börsengang, etwa an der US-Technologiebörse Nasdaq. Heute sagt er, das Unternehmen sei zwar sehr fit für die Börse und habe eine gute Story, aus strategischer Sicht sei der Börsengang aber weniger wichtig. „Kapital haben wir nach dem Einstieg Rocket Internets genug und kein Aktionär will derzeit verkaufen“, sagt Östberg. Das Unternehmen dürfte wohl mindestens 300 Millionen Euro für seine weitere Expansion haben.

In diesem Jahr will er erst einmal das Geschäft in China und Südkorea ausbauen und die Position in Europa stärken. In Großbritannien ist das Unternehmen mit seinem Angebot hungryhouse.co.uk nur Nummer zwei. Wenn sich die Gelegenheit zu einem Zukauf bietet, der passt, sagt Östberg wahrscheinlich nicht Nein. 2014 hatte das Unternehmen pizza.de aus Braunschweig übernommen, damals die Nummer 1 in Deutschland.

Das Geschäft hat einen Anteil daran, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Bestellungen über das Unternehmen vom ersten zum zweiten Halbjahr um 96 Prozent stieg, die Zahl der aktiven Kunden legte um 57 Prozent auf 5,8 Millionen zu. Angesichts dessen wirken die Konzernzahlen für 2014 etwas ernüchternd: 88,9 Millionen Euro eigener Umsatz, 37,6 Millionen Euro Verlust. Kann Östberg überhaupt noch ruhig schlafen? „Klar“, er lächelt wieder.

Verlust in Kauf nehmen

2013 habe das Unternehmen schon einmal schwarze Zahlen erreicht, „dann kam frisches Kapital rein, und wir dachten, wir müssen schneller wachsen“, sagt er. Das sind sie dann auch, mussten aber Verlust in Kauf nehmen. 2015 steht auch im Zeichen starken Wachstums, Östberg glaubt, dass auf Basis der Januar-Zahlen hochgerechnet 150 Millionen Euro Umsatz möglich sind.

Im kommenden Jahr wären sogar schwarze Zahlen möglich: „Mit unseren aktuellen Investitionen sind wir gut aufgestellt für ein profitables Geschäftsjahr 2016, aber wenn wir weitere Investitionsmöglichkeiten sehen, dann könnte sich dies wieder ändern.“ In Deutschland, dem größten Einzelmarkt, verdient das Unternehmen bereits Geld, Östberg spricht von ordentlichem Profit, ohne genaue Zahlen zu nennen. Es sei ja in Ordnung viel Geld auszugeben, man müsse sich aber genau ansehen, wie viel Geld zurückkomme, sagt Östberg. Langfristig rechne sich das kräftige Wachstum, wenn die Kunden nicht nur einmal, sondern immer wieder bestellten.