Leitindex

Rausch an der Börse

Dax klettert über 11.000 Punkte. Anleger fürchten einen Crash wie zur Jahrtausendwende

Die Rekordmarken fallen in immer kürzeren Abständen. Erst am 9. Juni vergangenen Jahres hatte der Deutsche Aktienindex (Dax) erstmals in seiner Geschichte die Marke von 10.000 Punkten überstiegen. Nun, nur rund acht Monate danach, hat er die nächste Schwelle übersprungen. Am Freitagmorgen kletterte der Leitindex erstmals über 11.000 Zähler. Das Rekordhoch wurde um exakt 9.40 Uhr bei 10.013,85 Zählern markiert. Den letzten Anschub gaben die guten Konjunkturzahlen für Deutschland. Auch die Einigung auf einen Waffenstillstand in der Ukraine und die Entspannung im Schuldenstreit mit Griechenland brachten Auftrieb.

Die Basis für die Rallye hatte jedoch die Europäische Zentralbank (EZB) am 22. Januar gelegt. Die europäischen Währungshüter beschlossen, von März an Anleihen von Euro-Mitgliedsstaaten zu kaufen. Allein in den seither vergangenen drei Wochen hat der Dax rund 800 Punkte zugelegt. Seit Mitte Oktober beträgt das Plus sogar 2400 Punkte. Nur ein Mal hat der Dax in ähnlich kurzer Zeit einen größeren Punkte-Gewinn geschafft. Das war rund um die Jahrtausendwende: Zwischen Herbst 1999 und Frühjahr 2000 gewann das Börsenbarometer 3000 Zähler, damals von 5000 auf 8000 Punkte. Seinerzeit war die halbe Welt im Aktienfieber.

Die sogenannte New Economy, die vor allem auf neuen Internet-Firmen aufbaute, weckte Fantasien von einer neuen Ära, die alte Regeln außer Kraft setzen würde. Newcomer ohne erkennbares Geschäftsmodell wurden an der Börse für Milliardenbeträge gehandelt – bevor der Boom dann ab März 2000 in sich zusammenfiel. Heute wächst die Angst bei einigen Marktteilnehmern, dass die Börsianer eine ähnlich unhaltbare Euphorie erfasst. „Das ist wie im Rausch, das ist beängstigend“, sagt Jens Klatt, Marktstratege beim Broker FXCM. „Nicht auszudenken wohin der Dax fliegt, wenn es eine Lösung der Griechen-Problematik gibt.“

Die Sache mit den Dividenden

Allerdings relativiert sich der aktuelle Boom, wenn nicht die absolute Punktzahl, sondern die prozentuale Veränderung betrachtet wird. Denn dann hat der Dax seit Mitte Oktober rund 27 Prozent zugelegt. So etwas gab es in vergleichbarem Zeitraum schon öfter, zum Beispiel 2012, 2007 oder 2003. Zur Jahrtausendwende gewann der Leitindex dagegen in ähnlich kurzer Zeit fast 50 Prozent an Wert. Heute ist die Ausgangsbasis wesentlich höher, sodass die Zunahme monströser erscheint, als sie in Wahrheit ist. Das wiederum liegt zu einem guten Teil auch an den Dividenden, die in den vergangenen Jahren von den im Dax enthaltenen Unternehmen ausgeschüttet wurden. Diese werden nämlich in Deutschland in den Indexstand einkalkuliert. Dadurch steigt er selbst dann, wenn die Aktienkurse der Firmen sich nicht verändern.

Allein in den vergangenen beiden Jahren schütteten die 30-Dax-Firmen jeweils rund 37 Milliarden Euro an ihre Aktionäre aus. Dieses Jahr sollen es sogar 39 Milliarden werden. Werden die Dividenden jedoch herausgerechnet, so zeigt sich, dass die Börsenkurse derzeit gar nicht übermäßig hoch liegen. Denn der Dax ohne Dividenden – der so genannte Dax-Kursindex – lag zum Hoch der New-Economy-Blase bei 6266 Punkten. Derzeit notiert er noch deutlich darunter, bei rund 5600 Zählern.

Und das, obwohl die Gewinne der Firmen heute wesentlich höher sind als damals. Im Jahr 2000 lag das Kurs/Gewinn-Verhältnis des Dax etwa bei 30, sprich: Die Kurse waren 30 mal so hoch wie die zusammengerechneten Jahreserträge der Unternehmen, ein Investor hätte rechnerisch also 30 Jahre warten müssen, um den Kaufpreis für seine Aktien über die Gewinne wieder hereinzuholen. Das war eine spektakulär übertriebene Bewertung, wie sich dann auch im anschließenden Crash zeigte. Aktuell dagegen liegt das Kurs/Gewinn-Verhältnis der Dax-Unternehmen nur halb so hoch wie damals und damit in einem akzeptablen Bereich.

Auch das so genannte Kurs/Buchwert-Verhältnis, bei dem die Aktienkurse ins Verhältnis zu den Vermögenswerten der Firmen gestellt werden, rangiert derzeit nur elf Prozent über dem historischen Mittelwert seit 1984. Zudem stellt Christian Kahler, Aktienanalyst bei der DZ Bank fest: „In Zeiten positiver Anlagestimmung und einer gut laufenden Konjunktur hat der deutsche Leitindex in der Vergangenheit teilweise über recht lange Zeit im teuren Terrain notiert.“

Er gibt jedoch auch zu, dass die Hausse der vergangenen Wochen auf sandigem Fundament steht. Sie beruhe im Wesentlichen auf dem Vertrauen in die Notenbanken und dem Glauben, dass die neuerliche Lockerung der Geldpolitik durch die EZB wirke. Die Gefahr, dass nun spekulative Übertreibungen bei Dividendenpapieren entstehen, habe sich durch die jüngsten Maßnahmen erhöht.

Starke Kursausschläge erwartet

Zudem hängen die Bewertungskennziffern eben nicht nur von den Kursen ab, die im Zähler stehen, sondern auch vom Nenner dieser Bruchzahlen. Und dort stehen die Gewinne. Andreas Hürkamp, Stratege bei der Commerzbank, äußert sich genau aus diesem Grund ebenfalls vorsichtig – und das obwohl er als Aktien-Optimist gilt. „Der rapide Verfall der Anleihezinsen, den wir in den letzten Monaten gesehen haben, ist womöglich ein Warnsignal, dass sich die Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft verschlechtern“, sagt er. Wenn sich das bestätigt, dürften jedoch auch die Gewinnerwartungen der Unternehmen zurückgehen. Schon jetzt schmelzen die Ertrags-Prognosen dahin. „Wir erwarten in nächster Zeit starke Kursausschläge“, folgert Hürkamp.

Von stärkeren Schwankungen geht auch Kahler aus. „Im Jahresverlauf rechnen wir mit einer Handelsbreite des Dax zwischen rund 9300 und 11.400 Punkten“, sagt er. „Anleger sollten innerhalb dieser Bandbreite immer wieder konsequent Chancen nutzen.“ Sprich: Bei Rückschlägen einsteigen. Das setzt allerdings voraus, dass jetzt bei rund 11.000 Punkten nicht der optimale Zeitpunkt für einen Einstieg ist.