Energie

Ölpreisverfall: USA gewinnen, Russland verliert

Nachfrage nach Rohöl wächst nicht so wie prognostiziert

Die Vereinigten Staaten könnten mit ihrer Schieferöl-Produktion einer Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge als der große Sieger aus der Ölmarkt-Krise hervorgehen – zulasten Russlands und der arabischen Länder. Mit der Gewinnung von Öl aus Schiefergestein könnten die USA deutlich flexibler auf Marktbewegungen reagieren als andere Länder. „Wir hatten bisher mit Saudi-Arabien ein Produktionsland, das in der Lage war, Marktumschwünge zu bewerkstelligen. Jetzt haben wir mindestens zwei“, sagte IEA-Chefin Maria van der Hoeven bei der Vorstellung einer mittelfristigen Marktprognose bis 2020.

Russland wird nach Einschätzung der IEA der große Verlierer sein. Der Preis für Rohöl hat sich seit Juni 2014 von mehr als 110 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) mehr als halbiert. Heute werden nur um die 50 Dollar verlangt. „Russland sieht sich einem absoluten Sturm von niedrigen Preisen, Sanktionen und Währungsschwankungen ausgesetzt“, so van der Hoeven. Der russische Rohöl-Tagesausstoß werde bis 2020 um 560.000 Barrel sinken, prognostiziert die IEA.

Die Weigerung von Opec-Ländern wie Saudi-Arabien, ihre Fördermenge trotz der geringer als erwartet ausgefallen Nachfrage und deshalb gesunkenen Preise zu drosseln, führe zunächst zu einem Rückgang der Investitionen beim Schieferöl. Dies werde aber nicht das Ende der Förderung sein. Die Schieferöl-Förderung könne bei steigenden Preisen vergleichsweise einfach wieder hochgefahren werden. Das Ölkartell sei dagegen vor allem auf den Irak angewiesen und von unwägbaren politischen Faktoren abhängig. Jedoch sei die Förderung im Irak trotz der gegenwärtig unsicheren Lage auf einem Allzeithoch.

Schwache Weltwirtschaft

Insgesamt werde die Nachfrage nach Rohöl längst nicht so stark wachsen, wie noch vor Jahren prognostiziert wurde, heißt es in dem Bericht weiter. Bis 2020 geht die IEA von einem jährlichen Anstieg um 1,2 Prozent aus. Dies liege vor allem an einer schwächeren Erholung der Weltwirtschaft und niedrigen langfristigen Wachstumsaussichten für den größten Teil der Welt.

Die IEA mit Sitz in Paris berät vor allem Industriestaaten wie Deutschland und die USA in Energiefragen. Sie wurde Mitte der 1970er-Jahre als Reaktion auf die damalige Ölkrise gegründet, nachdem das Ölkartell Opec die Preise für Rohöl weltweit drastisch erhöht hatte. Die IEA veröffentlicht regelmäßige Analysen und Prognosen. Dabei versucht sie, Entwicklungen bei den Preisen, Verschiebungen der Nachfrage oder Änderungen im Energiemix vorherzusehen. In der internationalen Politik wird die Agentur zunehmend auch als Opec-Konkurrentin wahrgenommen.

Die Aussagen der IEA beeinflussten am Dienstag auch die Weltmarktpreise für Öl und beendeten den Aufwärtstrend der vorigen Tage. Am Morgen kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Lieferung im März 57,54 Dollar – 80 Cent weniger als am Montag.