Technik

Absage an den gläsernen Autofahrer

Herr über die eigenen Daten: Justizminister Maas will EU-weite Datenschutzregeln

Einsteigen und Ziel eingeben – den Rest macht das Auto selbst. Die Bordsysteme berechnen die Route, fahren autonom und parken ein. Die schöne neue Autowelt ist gar nicht mehr so fern. Schon heute sind Neuwagen mit Assistenzsystemen gespickt, in einem VW Golf arbeitet die Rechnerkraft von 20 PCs, ein Durchschnitts-Pkw hat rund 70 Steuergeräte mit Speicherchip.

Der Digitalisierungsschub wird Autofahren sicherer und komfortabler machen. Aber er schafft auch Probleme. Denn all die Assistenten und Systeme kommunizieren mit Systemen außerhalb des Autos. Es wird erfasst, wann, wie lange, wohin und wie schnell wir fahren. Welchen Weg wir nehmen, wo wir essen, welche Musik wir mögen. Ob wir wirklich nicht Schuld sind an der zurückliegenden Kollision. Immer größere Datenströme entstehen. Doch wem gehören diese Daten, wer darf mitlesen?

Bundesjustizminister Heiko Maas will nun dafür sorgen, dass der Autofahrer Herr seiner Daten bleibt. „Autofahrer müssen selbst entscheiden können, welche Daten erhoben und an wen diese übermittelt werden“, sagte der SPD-Politiker am Rande des „Safer Internet Days“ in Berlin. „Was wir nicht wollen, ist der ,gläserne’ Autofahrer, für den Bewegungsprofile erstellt und Daten über den Fahrstil gesammelt werden.“ Wer ein Auto besteige, müssen wissen, welche Daten an wen aus welchem Grund erfasst und weitergeleitet würden. „Wir müssen das EU-weit regeln, denn Daten und Autos überwinden Grenzen. Im Rahmen der Datenschutz-Grundverordnung wollen wir bis Mitte des Jahres eine Lösung finden, die in allen 28 Mitgliedsstaaten verbindlich ist“, sagte Maas.

Die Datenschutz-Grundverordnung ist eine geplante EU-Verordnung, mit der die Regeln für die Verarbeitung von personenbezogenen Daten durch private Unternehmen und öffentliche Stellen vereinheitlicht werden sollen. Dadurch soll auch der Schutz von personenbezogenen Daten sichergestellt werden.

An den Daten, die ein Auto liefert, sind viele interessiert. Zunächst natürlich die Hersteller selbst, allein um die Kunden auf die Wartungsintervalle aufmerksam zu machen und um ihnen möglichst umfangreiche Servicepakete zu verkaufen. Für Versicherungen sind die Daten wertvoll, weil sich auf ihrer Grundlage bestimmte Tarife festlegen lassen – günstige für besonders „vorsichtige“ Fahrer, wie man an der Durchschnittsgeschwindigkeit zu erkennen glaubt. Oder eben höhere für den „sportlichen Typ“.

Auch die Unterhaltungsindustrie und die Werbewirtschaft erwarten sich noch bessere Geschäften, wenn sie noch mehr als bislang über unsere Lebensgewohnheiten wissen. Und zuletzt interessieren sich die Strafverfolgungsbehörden für viele Daten, die ein Auto liefert. Die Frage ist nur, wer sie wann nutzen darf.

Die Rechtslage scheint da nur auf den ersten Blick eindeutig. Nach dem Recht auf „informationellen Selbstbestimmung“ dürfen Daten eines Autofahrers oder Halter nicht ohne dessen Zustimmung weitergegeben oder ausgewertet werden. Doch kaum einer weiß, was beispielsweise in der Werkstatt wirklich an Daten ausgelesen wird. Die Autobauer verteidigen das mit dem Hinweis, dass sie dabei keine personen-, sondern nur fahrzeugbezogene Daten auswerten würden. Doch wo liegt die Grenze?

Industrie will Selbstverpflichtung

VW-Chef Martin Winterkorn hat das Dilemma erkannt und versprochen: Das Auto darf nicht zur Datenkrake werden.“ Er regt eine Selbstverpflichtung der Industrie zum Schutz der Kundendaten an. Eine Idee, die auch Daimler-Chef Dieter Zetsche gefällt. „Wir werden alles tun, um sie so zu schützen, wie unsere Kunden das verlangen. Und wir werden keine Chancen für ein Geschäft mit der Weiterverwertung nutzen, wenn das nicht erwünscht ist“, hatte Zetsche jüngst gesagt.