Unternehmen

Kahlschlag bei Siemens

Konzern kürzt 7800 Stellen in der Verwaltung. Zu Kündigungen soll es in Deutschland und auch weltweit allerdings nicht kommen

Nach dem Aufblähen der Verwaltungsstrukturen möchte Siemens-Chef Kaeser den Konzern endlich wieder schneller machen. In den nächsten zwei Jahren sollen weltweit in der Verwaltung 7800 der grob 95.000 Stellen gestrichen werden. Allein für Deutschland sieht die Planung den Wegfall von 3300 Stellen vor, gab Siemens jetzt nach monatelangen Spekulationen über den Job-Abbau bekannt. Der Schwerpunkt der Einschnitte in Deutschland liegt in Bayern.

Für den Siemens-Chef ist der Stellenabbau ein Wendepunkt – zumindest was die Verwaltung betrifft. Weitere Einschnitte in der Bürokratie werde es nicht mehr geben, heißt es in Konzernkreisen. Die unter Kaeser betriebene Neuaufstellung des Unternehmens mit dem Wegfall von Verwaltungsebenen seit 1. Oktober erlaube es jetzt, das Personalwesen, die Kommunikation, IT-Bereiche oder andere administrative Funktionen zu vereinheitlichen. Damit könnten Stellen in der Bürokratie gestrichen werden.

Spekulationen reißen nicht ab

Es seien zwar tiefe Einschnitte, weil grob acht Prozent der Verwaltungsstellen wegfallen. Bezogen auf die weltweit 341.000 Siemens-Beschäftigten liege die Zahl aber noch unter der Fluktuationsquote in Deutschland von drei Prozent. Den Angaben zufolge gilt unverändert die noch unter Kaeser-Vorgänger Löscher getroffene Vereinbarung mit dem Betriebsrat, dass es bei dem Stellenabbau in Deutschland zu keinen Kündigungen kommt. Während Siemens die Einschnitte in der Verwaltung offiziell als Weichenstellung sieht, um den Elektrokonzern „wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs“ zu bringen, werden die Spekulationen um noch weitere Job-Kürzungen auch in Zukunft vermutlich nicht verstummen.

So zeichnen sich bereits weitere Stellenkürzungen im operativen Geschäft ab. Im Energiebereich werden nochmals 1200 Stellen gestrichen. Auch in der Gepäck- und Logistikdivision könnte es zu weiteren Kürzungen kommen. Somit summieren sich die derzeit bei Siemens diskutierten Abbauzahlen auf rund 9000 Beschäftigte.

Für Siemens-Chef Kaeser und die neue Arbeitsdirektorin und Personalvorstand Janina Kugel beginnen jetzt harte und schwierige Detailverhandlungen mit dem Betriebsrat und der IG Metall. Während US-Wettbewerber wie General Electric kurzfristig ihre Personalzahlen um Tausende Stellen anpassen können, bremst die Mitbestimmung in Deutschland den schnellen Kahlschlag. Daher handelt es sich bei den jetzt verkündeten Abbauzahlen auch um Planungen und noch keine endgültigen Werte.

Arbeitnehmervertreter kündigen schon an, dass sie die Zahl der 3300 Job-Kürzungen in Deutschland noch verringern wollen. „Wir fordern Qualifizierung und interne Versetzungen statt Abbau“, erklärte Gesamtbetriebsratsvorsitzende Birgit Steinborn. Sie betonte erneut die übergeordnete Forderung der Arbeitnehmerseite für die Reorganisation des Konzerns. „Wir bleiben dabei: Abbau von Bürokratie ja, Abbau von Stellen nein.“

Jürgen Kerner, Vorstand der IG Metall und Siemens-Aufsichtsratsmitglied, betonte den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. „Rauswerfen ist deshalb tabu. Im Unternehmen heißt es zurecht, dass ,Verwaltung Gesichter hat’. Diese Gesichter wollen wir auch weiterhin bei Siemens sehen.“

In den Führungsetagen von Siemens heißt es, dass es sicher nicht gelingen werde, jeden Beschäftigten aus der Verwaltung zu einem Techniker oder Vertriebsexperten umzuschulen oder in der Fertigung einzusetzen. Zudem sei Flexibilität bei Umsetzungen an Standorten notwendig. Über interne Jobbörsen sollen die Einschnitte abgefedert werden.

Eine Milliarde Euro sparen

Den Siemens-Konzern kosten die Einschnitte selbst zunächst einen mittleren bis hohen dreistelligen Millionenbetrag. Das Geld für den Umbau kommt aus dem Verkauf des 50-Prozent-Anteils am Hausgerätekonzern Bosch Siemens sowie der Hörgeräteaktivitäten. Ab 2016 und in voller Ausprägung dann 2017 soll der Umbau eine Milliarde Euro Kosten einsparen. Dieses Geld soll wiederum in „Innovations-, Produktivitäts- und Wachstumsinitiativen investiert“ werden.

In diesem Geschäftsjahr werde über eine Milliarde Euro in die Initiativen gesteckt, mit denen der Technologiekonzern endlich wieder zu den Konkurrenten aufschließen will. Sie arbeiten profitabler und sind teilweise innovativer.

Für Siemens-Beobachter sind die jetzt verkündeten Einschnitte ein realistisches Anpassen der Verwaltung an den Umsatz. Kaesers Vorgänger Peter Löscher wollte einst den Konzern auf 100 Milliarden Euro Umsatz treiben und baute dazu enorme Verwaltungsstrukturen auf. Binnen weniger Jahre wurden über 30.000 Beschäftigte neu eingestellt. Seine Wachstumspläne wurden aber nie erreicht. Kaeser schrumpft jetzt die Verwaltung passend für den Umsatz von rund 72 Milliarden Euro – mit stagnierender Tendenz in diesem Jahr.