Demografischer Wandel

Fachkräftelücke trotz Zuwanderung

Bundesregierung will Bedingungen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern

Der für Deutschland vorausgesagte Fachkräftemangel lässt sich durch höhere Zuwanderung von Ausländern nicht verringern. Zu diesem überraschenden Befund kommt eine Studie, die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) am Donnerstag in Berlin vorlegte. Der Nutzen der Zuwanderung zeige sich vielmehr in höherem Wirtschaftswachstum und höherer Beschäftigung. Unter dem Strich bliebe die Fachkräftelücke aber unverändert. Nahles betonte: „Die positiven Effekte der Zuwanderung spielen eine große Rolle.“ Der Studie zufolge wird das Arbeitskräfteangebot bis 2030 trotz demografischen Wandels nicht so stark schrumpfen wie bisher angenommen. Ein Grund dafür ist neben höherer Erwerbstätigkeit von Älteren und Frauen die Zuwanderung.

Gesetzesinitiative angekündigt

Die Autoren kommen zu der „Schlussfolgerung, dass die höhere Zuwanderung langfristig nichts zum Abbau des Fachkräftemangels beitragen wird“. Sie erhöhe aber den Wohlstand: Pro 100.000 Zuwanderer könne mit einer Zunahme des Wirtschaftswachstums um 0,35 Prozentpunkte gerechnet werden. Das Pro-Kopf-Einkommen steige unter den Modellbedingungen um 0,25 Prozentpunkte.

„Die Studie zeigt: Wir brauchen weiterhin hohe Zuwanderung“, sagte Nahles, die mit Familienministerin Manuela Schwesig und der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz (beide SPD) den Bericht vorstellte. Schwesig warb für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Die Frauen sind das Potenzial für Wohlstand in Deutschland.“ Sie werde noch in diesem Jahr ein Entgeltgleichheitsgesetz vorlegen, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu gewährleisten. Nahles kündigte an, sie werde im zweiten Halbjahr ein Gesetz vorlegen, das bei Teilzeit einen Anspruch auf Rückkehr in Vollzeit schaffe. Beide Gesetzesvorhaben sind im Koalitionsvertrag vereinbart.

„Noch immer verschenken viele Unternehmen großes Potenzial, wenn sie auf die qualifizierten Frauen verzichten“, ergänzte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. „Nach wie vor verlässt sich die Wirtschaft darauf, dass der Mann Vollzeit rund um die Uhr verfügbar ist, weil die Frau im Zweifel ja für die Kinder sorgt.“ Allzu häufig gehe die Arbeitswelt noch von einem völlig überholten Familienmodell aus. „In Wahrheit wollen die meisten jungen Frauen Kind und Job.“

Es könne gelingen, den Rückgang des Arbeitskräfteangebots bis zum Jahr 2030 auf knapp eine Million zu begrenzen, sagte Nahles: „Die aktuelle Prognose ist besser als noch 2012 angenommen.“ Sie machte sich dabei das optimistischere Szenario der Studie zu eigen, bei dem die Autoren von einer jährlichen Nettozuwanderung von 300.000 Ausländern nach Deutschland ab dem Jahr 2020 ausgehen. Das wäre weitaus mehr als im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte, der laut Experten bei 200.000 lag. Erst seit wenigen Jahren steigt die Zuwanderung wieder. Gründe sind neben der Freizügigkeit für Arbeitnehmer in der EU auch die wirtschaftliche Misere in Südeuropa und steigende Flüchtlingszahlen.

Dramatische Entwicklung bis 2050

In einem anderen Szenario gehen die Forscher von einer Netto-Zuwanderung ab 2020 in Höhe von jährlich 200.000 Ausländern aus. Dann würde das Arbeitskräfteangebot bis 2030 um etwa zwei Millionen schrumpfen. Dramatisch deutlich werden die Auswirkungen des demografischen Wandels in der Perspektive bis 2050. „Unter den heutigen Bedingungen wird die Zahl der Erwerbspersonen bis 2050 um acht Millionen zurückgehen“, heißt es in der Kurzfassung der Studie. Damit verlöre Deutschland bis 2050 ein Fünftel des heutigen Arbeitskräfteangebots.

Nahles plädierte wie Özoguz für ein Einwanderungsgesetz, für das sich auch die SPD-Bundestagsfraktion einsetzt. In der SPD wird das mit der Vorstellung verbunden, die Zuwanderung attraktiver zu machen und zu erhöhen. In der Union stößt das auf Vorbehalte. Die Integrationsbeauftragte Özoguz sagte, es sei eine Doppelstrategie, das inländische Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen und gleichzeitig um gut qualifizierte Menschen aus dem Ausland zu werben.

Die Studie untersucht nicht nur den Effekt der Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt: In ihrer Prognose rechnen die Forscher auch mit einer Zunahme der Erwerbsquote der 60- bis 74-Jährigen um zehn Punkte auf 35 Prozent. Allein das ergebe rechnerisch 1,8 Millionen Arbeitskräfte.