Personalien

In Berlin bestens vernetzt

Gasag holt überraschend die ehemalige BSR-Chefin Gäde-Butzlaff an die Spitze

Was für eine Rückkehr! Im Herbst 2014 verließ Vera Gäde-Butzlaff überraschend den Chefsessel beim größten kommunalen Abfallentsorger Europas, der BSR, die sie sieben Jahre lang erfolgreich geführt hatte. Schwierigkeiten mit dem damaligen Finanzsenator Ulrich Nußbaum, wie es hieß. Anfang März übernimmt sie jetzt ebenfalls recht überraschend die Führung bei Europas größtem regionalem Gasversorger, der Gasag. Der Aufsichtsrat wählte die 60-Jährige in einer außerordentlichen Sitzung am Freitag einstimmig zur Nachfolgerin von Stefan Grützmacher, der sein Amt niederlegte – ebenfalls überraschend.

In der neuen Position wird Gäde-Butzlaff wieder viel mit der Berliner Politik zu tun haben, wenn auch nicht mehr als Arbeitgeber, denn die Gasag gehört den drei Versorgern Eon, GdF Suez und Vattenfall. Allerdings ist der Streit zwischen Gasag und Senat darüber, wer das Berliner Gasnetz betreiben darf, nicht gelöst. Berlin hatte den Betrieb des Gasnetzes im Dezember 2012 ausgeschrieben, 2014 vergab die Senatsfinanzverwaltung die Konzession an die landeseigene Berlin Energie. Dagegen klagte die Gasag.

Das Landgericht Berlin erklärte die Vergabe für nichtig und den Landesbetrieb für ungeeignet, sprach der Gasag die Konzession aber nicht direkt zu. 2015 betreibt die Gasag-Tochtergesellschaft NBB (Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg) das Netz weiter, darauf haben sich das Land und der Konzern geeinigt.

Berlins neuer Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) deutete bereits eine Lösung an: Man werde die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit zwischen Gasag und Berlin Energie ausloten. Dass die Gasag das nicht ganz ablehnt, zeigt möglicherweise die offizielle Aussage von Gasag-Aufsichtsratschef Gerhard Jochum: Die Wahl Gäde-Butzlaffs sei ein klares Signal, den Kurs der Gasag nicht nur als Gasnetz-, sondern auch als Energiepartner Berlins konsequent fortzusetzen.

Allerdings liegt auch hier die Tücke im Detail: Daniel Buchholz, energiepolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sagte, für die SPD komme dabei eine Minderheitsbeteiligung nicht infrage. Die Gasag wiederum möchte das Netz, das solide Erträge abwirft, ungern verlieren. Sollte die Konzession tatsächlich an einen anderen Betreiber gehen, müsste die Gasag die Leitungen übergeben und bekäme dafür eine Entschädigung, rund eine Milliarde Euro. Doch Bargeld ist weniger interessant als dauerhafte Einkünfte über einen längeren Zeitraum. Die Konzession sollte über zehn Jahre vergeben werden.

„Fairer Gesprächspartner“

Als Grund für das Ausscheiden Grützmachers gab die Gasag „unterschiedliche Auffassungen zur Unternehmensführung“ an, eine übliche Formel, wenn Topmanager und Anteilseigner nicht mehr miteinander können. Einzelheiten nannte das Unternehmen nicht. Aus dem Umfeld der Anteilseigner hieß es, Grützmacher, der 2012 aus Kiel kam, habe sich mit den Berliner Gegebenheiten vielleicht nicht so gut ausgekannt wie nötig. Offiziell wollten sich weder Eon noch Gaz de France und Vattenfall äußern. Gäde-Butzlaff jedenfalls ist durch die Arbeit an der Spitze der BSR bestens vernetzt in der Stadt.

SPD-Energieexperte Daniel Buchholz bedauerte den Rücktritt Grützmachers. „Ich habe ihn als offenen und fairen Gesprächspartner geschätzt“, sagte er der Berliner Morgenpost. Gleichzeitig begrüßte er die Entscheidung für Gäde-Butzlaff. Sie habe die BSR über viele Jahre exzellent geführt und objektiv gute Zahlen vorgelegt. Nicht nur der Senat, sondern auch die Arbeitnehmer seien „mit der erfahrenen Unternehmenslenkerin“ sehr zufrieden gewesen. Sie eröffne der Gasag neue Chancen.

Buchholz äußerte sich auch zu einem Rückkauf von Gasag-Anteilen, den sich der Senat vorstellen kann, aber derzeit nicht offiziell plant. Die SPD strebt demnach eine Mehrheitsbeteiligung an. „Es muss sich aber auch rechnen für die Berliner“, forderte Buchholz. Politische Beobachter halten es für möglich, dass sich Vattenfall 2015 oder 2016 aus der Gasag zurückziehen könnte. GdF Suez wird allerdings nachgesagt, ebenfalls die Mehrheit anzustreben – und lieber seine Anteile zu verkaufen, wenn diese nicht möglich ist.

Aus Kreisen der CDU hieß es, die Entscheidung für Gäde-Butzlaff sei kein Zeichen für eine Rekommunalisierung der Gasag. Vielmehr sei es in erster Linie darum gegangen, eine fähige Vorstandsvorsitzende zu finden.