Bilanzen

Siemens-Gewinn bricht drastisch ein

Verfall des Euro und des Ölpreises schlagen sich in der Bilanz nieder. Konzernchef Kaeser muss sich auf Hauptversammlung rechtfertigen

Joe Kaeser muss vertrösten. Immer wieder fragten Aktionäre den Siemens-Chef auf der Hauptversammlung, ob sich der angekündigte Milliardenzukauf im Öl- und Gasgeschäft überhaupt rechnet. Nach der Unterschrift unter den 7,6-Milliarden-Dollar-Zukauf für die US-Firma Dresser-Rand brach der Ölpreis ein, und die Ölförderfirmen kürzen weltweit ihre Investitionen. „Es ist langfristig die richtige Entscheidung“, verteidigte Kaeser sich. Es werde aber etwa fünf Jahre dauern, bis aus der Firma mit etwa drei Milliarden Dollar Umsatz Wert geschaffen werde.

Der seit Herbst 2013 amtierende Siemens-Chef ist ohnehin überzeugt, dass der Ölpreis wieder steigen wird. Eine genauere Prognose wagte er aber nicht. Auch in der Vergangenheit habe es drastische Preiseinbrüche gegeben. Bereits kurzfristig spürt Siemens den Preisverfall im eigenen Energie- und Gasgeschäft. „Wir beobachten bereits einen Rückgang an Ausschreibungen“, sagte Kaeser. Es gebe aber auch positive Effekte. So könnte die Automobil- und Chemieindustrie profitieren, was wieder Aufträge bringen könnte.

Einnahmen durch Bosch-Verkauf

Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2015 brach der Nettogewinn des Konzerns um 25 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro ein. Hierzu trug ein Ertragsrückgang in den beiden umsatzstärksten Divisionen Energie und Gas sowie Medizintechnik bei. Außerdem gab es größere Belastungen im Finanzierungssektor durch das geringere Zinsniveau. Trotzdem bleibt Kaeser bei seiner Prognose, dass der Gewinn im Gesamtjahr um mindestens 15 Prozent zulegt. Dies ist machbar, weil Sondergewinne aus dem Verkauf zahlreicher Aktivitäten anfallen. So spült allein der Verkauf des Hausgerätegeschäftes an Bosch und der Verkauf des Hörgerätegeschäftes rund drei Milliarden Euro Vorsteuergewinn in die Kasse.

Kaeser räumte ein, dass die Division Energie und Gas den größten Handlungsbedarf hat – durch den Preisdruck am Markt und Überkapazitäten. So ist bereits durchgesickert, dass in der Division 1200 Stellen gestrichen werden sollen. Die früher führende technische Weltmarktführung bei großen Gasturbinen sei verloren gegangen.

Kurz vor der Hauptversammlung gab Siemens ein Paket an Personalentscheidungen bekannt. So scheidet der Chef der Division Energie und Gas, Roland Fischer, auf eigenen Wunsch aus. Der 52-Jährige stand seit 2011 an der Spitze des Geschäfts mit rund 12,7 Milliarden Euro Umsatz. Vorübergehend soll die erst seit August 2014 amtierende Amerikanerin Lisa Davis als Konzernvorstand Energie auch operativ das Geschäft führen.

Außerdem teilte Siemens mit, dass Hermann Requardt, langjähriger Chef der zweitgrößten Division Medizintechnik mit 11,7 Milliarden Euro Umsatz, ebenfalls vorzeitig zum 1. Februar abtritt. Der Vertrag des 59-Jährigen wäre noch bis März 2016 gelaufen. In der Neuaufstellung von Siemens wird der Medizintechnikbereich künftig als „Unternehmen im Unternehmen“ weitgehend eigenständig geführt. Requardt scheide im gegenseitigen Einvernehmen aus, heißt es. Mit seinem Abtritt werde ein Generationswechsel zum Start der neuen Medizintechnikfirma möglich.

Neuer Chef der Medizintechnik-Gesellschaft wird der 45-jährige Bernd Montag. Der Physiker verantwortete bereits die Division Imaging & Therapy Systems, also weitgehend das Geschäft mit bildgebenden Verfahren. Hierzu zählten etwa Computer- und Magnetresonanztomografen. Auch im siebenköpfigen Konzernvorstand gibt es Veränderungen. So rückt die 45-jährige Janina Kugel als neuer Personalvorstand in das Topgremium auf. Die enge Mitarbeiterin von Kaeser übernimmt das Ressort von Siegfried Russwurm, der im Vorstand bleibt und künftig den Medizintechnikbereich mit betreut. Die Personalexpertin ist gleichzeitig auch neue Arbeitsdirektorin für die weltweit rund 343.000 Siemens-Beschäftigten.

Janina Kugel ist bereits der vierte Personalchef binnen zwei Jahren. Zunächst schied Ende September 2013 Personalvorstand Brigitte Ederer vorzeitig aus, dann übernahm Klaus Helmrich das Ressort, danach Russwurm und jetzt Kugel.

Sparen durch Bürokratieabbau

Der Umbau im Personalressort ist heikel, weil Siemens in der nächsten Woche zumindest für Deutschland mit den Arbeitnehmervertretern Details zum Personalabbau besprechen will. Siemens-Chef Kaeser hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2016/2017 eine Milliarde Euro an Kosten durch Bürokratieabbau und die interne Neuaufstellung zu sparen. Vom Umbau des Konzerns mit dem Wegfall von Hierarchieebenen sind über 11.000 Menschen betroffen. Es ist aber noch unklar, wie viele Beschäftigte tatsächlich ihre Stelle verlieren.

Zahlreiche Aktionärssprecher lobten zwar den Kurs von Vorstandschef Kaeser bei der Neuausrichtung des Konzerns, aber es gab auch Warnungen. Er habe „die Zügel an sich gerissen und alles stark auf sich zugeschnitten“, sagte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment. „Aber ziehen Sie die Zügel nicht zu straff an, denn wir sehen in Ihrer Machtfülle auch ein Governance-Risiko“, warnte der Fondsmanager. Siemens sei „keine One-Man-Show“.

Einige Aktionärssprecher plädierten für einen vorzeitigen Abtritt von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, dessen Amtszeit noch bis Januar 2018 läuft. Der 71-Jährige machte aber deutlich, dass dies für ihn nicht infrage kommt.