Technik

Die Kochshow auf dem iPad

Die App zweier Berlinerinnen gilt bei Apple als eine der besten des Jahres 2014

Zwei Gründerinnen in Berlin haben sich vorgenommen, das Kochen neu zu erfinden, und auch die Kochshow. Kitchen Stories heißt ihre iPhone- und iPad-App. Sie hat innerhalb knapp eines Jahres die Hitliste von Apples App-Store erobert und wurde in den Kreis der „Besten Apps des Jahres 2014“ aufgenommen. Es wurden bereits mehr als drei Millionen Downloads realisiert – und das ohne Marketingausgaben.

Die Kitchen Stories der Gründerinnen Verena Hubertz und Mengting Gao bieten derzeit 100 Rezepte, Tipps und Grundwissen zum Kochen. Im Mittelpunkt stehen kurze Videos, die wie die ganze App durch ein zurückhaltendes Design auffallen. Sprache kommt überhaupt nicht vor. Instruktionen gibt es per Sprechblasen. Die Bilder des Kochs, der Zwiebeln und Möhren schnippelt, werden mit einer dezenten Instrumentalmusik unterlegt. Die Rezepte sind in Kategorien wie „Unter 400 Kalorien“, „In 20 Minuten“ und „Vegan“ unterteilt.

Videos zu jedem Rezept

Kochliteratur ist keine Rarität – weder auf dem Papier noch im Netz. Kitchen Stories wagt sich dennoch auf den umkämpften Markt, will anders sein als Dr. Oetkers Schulkochbuch, das Magazin Essen&Trinken oder das Internetportal Chefkoch.de. „Was uns abhebt, sind unsere Videoinhalte und die Schritt-für-Schritt-Bilder. Nutzer müssen sich nicht durch Listen von Rezepten klicken“, sagt Verena Hubertz. „Bei nutzergenerierten Beschreibungstexten ist man als Kochanfänger verloren.“

Deshalb haben die Gründerinnen auch die Idee mit den Küchentrick-Videos entwickelt. Zu jedem Rezept gibt es Filmclips, die noch einmal die Technik hinter dem Rezept erklären. Sie zeigen, wie Profis Zwiebeln schneiden, einen Fenchel zerlegen oder Fleisch filetieren. Die Videos und Fotos produzieren die beiden Frauen und ihr Team selbst.

Kitchen Stories wurde von Anbeginn als ein Angebot für mobile Internetgeräte konzipiert – also für Smartphones und Tablets. „Als leidenschaftliche Foodies haben wir uns gefragt, wie die perfekte App für uns aussehen würde. Und wir haben dann eigene Features und die Videos entwickelt.“ Traditionelle Anbieter haben zwar viel mehr und je nach Portal auch hochwertige Rezepte, die aber meist für eine gedruckte Präsentation konzipiert wurden. „Bei der Digitalisierung scheitert das dann oft“, sagt die Gründerin. Die Online-Rezepte sähen oft aus wie eingescannte Bücher oder PDFs von Magazinseiten.

Die Art, wie das Berliner Start-up neueste Technologien umsetzt, hat dem Elektronikkonzern Apple so sehr gefallen, dass die App bei der Präsentation des neuen iPhone 6 im vergangenen Herbst erwähnt wurde. Mit Stolz erzählt die Gründerin, dass ihr Programm in den Vorführgeräten aller Apple-Filialen vorinstalliert sei. „Wir haben die neuesten Features von iOS 8 eingebunden, zum Beispiel bekommt man ein tägliches Rezept in der Mitteilungszentrale angezeigt oder wir nutzen die Hand-out-Funktion. Man kann auf dem iPad mit dem Kochen anfangen und macht dann auf dem iPhone weiter“, sagt Verena Hubertz.

Bei Kitchen Stories kommen demnächst auch die Nutzer zu Wort. Kitchen Stories Family heißt das neue Format. Nutzer können dort ihre Rezepte selbst einstellen. „Zum Beispiel machen wir einen Contest und suchen das beste Pizza-Rezept. Wir werden das aber redaktionell begleiten und nachfotografieren“, sagt Hubertz. Nur kuratierte Inhalte mit dem unverwechselbaren Design sollen ihren Weg in die App finden.

Verstehen sich die Gründerinnen als eine Version 2.0 der bekannten Onlineplattform Chefkoch.de? „Wir wollen noch ein Stück weiter gehen. Chefkoch ist der Local Hero. Aber wir sind bereits in zwölf Sprachen verfügbar“, sagt die Gründerin. Kitchen Stories will eine globale Food-Plattform werden. „Warum soll ich ein Sushi-Rezept von meinem Nachbarn nehmen, wenn ich es auch direkt von einem Japaner bekommen kann?“ Die Plattform soll Leute weltweit vernetzen. Denn Essen ist ein emotionales Thema, über das man sich gerne austauscht.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geschäftsmodell, das an Bedeutung gewinnt, nachdem die Plattform eine respektable Zahl an Nutzern generiert hat. Kitchen Stories finanziert sich mit Produkt-Placement und kooperiert dabei mit Marken aus der Lebensmittel- und Haushaltswarenindustrie. Gekocht wird in den farbigen Emaille-Töpfen von Le Creuset mit Olivenöl von Bertolli und Fond von Lacroix, püriert wird im Mixer von Kitchen Aid, geschnitten mit Wüsthof-Messern und angerichtet auf Rosenthal-Porzellan. Insgesamt 14 solcher Kooperationen hat das Unternehmen bereits geschlossen.

Finanzierung über Werbung

„Langfristig möchten wir unsere Nutzer monetarisieren. Wir haben da viele Ideen, aber noch keine konkreten Umsetzungspläne“, sagt Verena Hubertz. Denkbar sind Einkäufe, die in einer Beziehung zu den Rezepten stehen (content based shopping). Man könnte Einkaufslisten direkt zu Lieferdiensten wie Rewe-Online senden oder bezahlte Links zu den Angeboten für Küchengeräte im Onlineshop Amazon in der App platzieren. Das sind nur zwei der zahlreichen Ideen.

Egal ob Buch, Zeitschrift oder App: Der Erfolg einer Kochplattform steht und fällt mit ihrer Zuverlässigkeit. Die Rezepte müssen gelingen, sonst ist der Ruf dahin. Kitchen Stories entwickelt die Rezepte zusammen mit Berliner Köchen, die jahrelange Erfahrungen in der Spitzengastronomie gesammelt haben. Ihre Kreationen werden dann von Hobbyköchen nachgekocht und dabei getestet. „Früher haben wir das in unserer WG-Küche gemacht“, sagt Verena Hubertz. „Jetzt werden wir unterstützt von Freunden und Nutzern, die da gerne mitmachen.“ Anders als bei den aktuellen Kochshows im Fernsehen bekommt man bei Kitchen Stories den Koch übrigens nie zu sehen. Die Kamera zeigt immer nur seinen Arbeitsplatz, nie aber das Gesicht. Auch wird nicht gesprochen. Hier erinnert die App dann an die Kult-Kochshow „Silent Cooking“ des Fernsehsenders 3sat, die vor knapp zehn Jahren begann. „Sobald man anfängt, mit Sprache zu hantieren, wird die Internationalisierung schwierig“, erläutert Verena Hubertz ihr Konzept.

Kitchen Stories hat jetzt ein Investment von 1,8 Millionen Dollar (1,6 Millionen Euro) erhalten. Die Wagniskapitalgeber Point Nine Capital (DaWanda, Misterspex, Lieferheld), Bertelsmann Digital Media Investments und einige Business Angels haben in das junge Berliner Unternehmen investiert. „Das Kapital fließt zunächst ins Team. Für unsere zwölf Sprachen brauchen wir Communitymanager. Wir bauen auch das Entwicklerteam aus, weil wir viele Ideen für neue Features haben. Zusätzlich folgt demnächst eine Android-Version“, beschreibt Verena Hubertz ihre Pläne für die nächste Zeit.