Streit

Ein Bauer trotzt Thurn und Taxis

BMW will auf einem Areal des Adelshauses bauen und 2000 neue Jobs schaffen. Der Pächter denkt nicht daran zu weichen

Unter einem Landesfürsten wie Franz Josef Strauß wurden in Bayern Gemeindegrenzen bisweilen ganz feudal, ohne große Debatte verschoben. Beispiel Harting in der Oberpfalz: Weil BMW nicht von einem kleinen Dorfbürgermeister abhängig sein wollte, wurde der bis zur Römerzeit überlieferte Ort einfach dem größeren Regensburg zugeschlagen. Per Federstrich wurde ein Stück des Landkreises abgetreten, Regensburg wuchs um ein BMW-Werk, das heute 11.000 Mitarbeitern einen Arbeitsplatz bietet und der Stadt in Spitzenzeiten 30 Millionen Euro Steuernachzahlung beschert.

Kürzlich feierte das BMW-Werk in Regensburg-Harting seinen 25. Geburtstag. Der Region brachte seine Existenz viele Millionen Steuereinnahmen. Strauß’ Nachfolger im Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten hat es da nicht ganz so einfach. Im Gegenteil: Horst Seehofer muss sogar massiv Lobby-Arbeit für die Ansiedlung eines neuen Logistik-Centers des bayerischen Autobauers machen. BMW plant im Kreis Regensburg einen Standort, der Werke in ganz Bayern beliefern soll.

Hürden aus dem Weg räumen

Es geht um 2000 neue Jobs. Kein Wunder, dass vom Ministerpräsidenten über den Oberbürgermeister bis zur Landrätin alles auf den Beinen ist, um jede mögliche Hürde aus dem Weg zu räumen. Und eine dieser Hürden ist besonders hoch: Ein Streit zwischen der Familie Thurn und Taxis, einem der schillerndsten und reichsten Adelshäuser Europas, und einem Saatbauern könnte die Ansiedlung zu Fall bringen. Das Areal nahe dem bestehenden Werk, das sich BMW für sein Logistikzentrum ausgeguckt hat, gehört dem Haus Thurn und Taxis, und das würde dem Autobauer das gewünschte Stück Land auch verkaufen. Doch es ist belegt, von einem Saatzüchter – und der denkt nicht daran zu weichen.

Zwar hat Thurn und Taxis dem Saatzüchter bereits den Pachtvertrag gekündigt, doch der akzeptiert das nicht und fordert ein Ersatzgrundstück. Das soll größer sein als die Fläche, die BMW benötigt: 50 Hektar will der Autobauer für Halle und Zufahrtswege von Thurn und Taxis, der Bauer fordert weit über 100 Hektar als Ersatz. „Dann würden wir den Umzug auf uns nehmen“, ließ der Landwirt wissen. Im Hintergrund verhandeln die Anwälte beider Seiten aber auch über eine mögliche Entschädigung im siebenstelligen Bereich.

Die Sache ist vertrackt. Schon deshalb, weil alles, was mit dem Fürstenhaus derer zu Thurn und Taxis zu tun hat, vor Geschichte und Tradition nur so strotzt. Kopf des Hauses ist eigentlich Albert von Thurn und Taxis, doch Durchlaucht lebt nicht in Regensburg, wo die Familie ein Märchenschloss besitzt, das man für den Verlust des Postmonopols im Kaiserreich erhielt.

Deshalb ist es nach wie vor die rührige Gloria von Thurn und Taxis, die das Unternehmen Thurn und Taxis mit einer Handvoll Mitarbeitern regiert. Gloria hatte als 20-Jährige den Fürsten Johannes geheiratet, einen Mann, der damals schon in den Fünfzigern war. Mit 30 war sie Witwe geworden und begann damit, das Adelshaus samt seiner damals völlig maroden Unternehmungen komplett umzukrempeln.

Bis dahin war bei den Thurn und Taxis das spanische Hofzeremoniell mit Lakaien in Handschuhen praktiziert worden. Gloria musste Millionen Erbschaftsteuer zahlen – kurzerhand verkaufte sie die Brauerei und die Bank, sanierte das Unternehmen und machte aus einem Beamtenapparat eine kleine schlagkräftige Truppe. Weite Teile des riesigen Wald- und Grundbesitzes behielt man aber: Mit 36.000 Hektar Grund ist Albert von Thurn und Taxis der größte Großgrundbesitzer Deutschlands, hinzu kommen 20.000 Hektar Wald.

Geschichtsträchtiger Betrieb

Voller Geschichte ist allerdings auch der Saatzuchtbetrieb in Niedertraubling, der nun für BMW weichen soll: Seit den 1860er-Jahren, heute in fünfter Generation, werden dort Samen gezüchtet. Bei seiner Weigerung, das Feld zu räumen, bezieht sich der Landwirt nun auch auf seine Verwurzelung auf diesem Stück Land. Im Februar will man sich nun vor einem speziellen Landwirtschaftsgericht in Regensburg treffen. Dem Vernehmen nach hat Thurn und Taxis drei Ersatzgrundstücke angeboten, doch keines war dem Saatzüchter bislang schmackhaft zu machen. Er will unbedingt ein Stück fruchtbarsten Gäuboden im Nachbarlandkreis Straubing-Bogen. Doch dieses Stück Land will das Fürstenhaus als Kompensation nicht herausrücken.

Einzigartig ist im Hintergrund die politische Einigkeit: Aus München ist ein Gespräch zwischen Horst Seehofer und BMW-Chef Norbert Reithofer verbürgt. Seehofer machte deutlich, dass er den Standort im Kreis Regensburg bevorzugen würde. Staatskanzleichef Marcel Huber war im Schloss, um Fürstin Gloria zu beknien, einen Kompromiss zu finden – Gloria fordert von BMW und vom Freistaat, Land oder größere Summen lockerzumachen, um den Saatbauern zu überzeugen.

Bei BMW vor Ort nimmt man die Debatte mit Skepsis zur Kenntnis. Schließlich ist man nur Erfolgsmeldungen gewohnt. Öffentlich äußerte sich eine Sprecherin des Werkes zur Debatte eher schmallippig: „Im Sinne der Kundenorientierung sind wir kontinuierlich dabei, unsere Logistikstruktur mit einem Ersatzteillager weiter zu optimieren. Deshalb prüfen wir derzeit verschiedene Standorte, darunter auch Regensburg.“

BMW will sich derweil nicht darauf verlassen, dass man den Saatzüchter überzeugen kann. Deshalb haben die Münchner einen Immobilienentwickler beauftragt, einen Ersatzstandort zu finden – in Niederbayern..