Finanzbranche

Der gläserne Schuldner

Kreditech durchleuchtet Kreditnehmer anhand ihrer Datenspuren im Internet

Auf Finanzdienstleistungen hatten Banken seit Generationen ein Monopol. Doch immer mehr Start-ups drängen mit kundenfreundlichen Angeboten in diesen Markt: Bezahldienste wie Cringle, digitale Abrechnungssysteme wie Orderbird oder iZettle, Marktplätze für Onlinekredite wie Lendico, für billige Auslandsüberweisungen wie TransferWise oder Mikrokredite wie Kreditech. Berlin, London und Hamburg sind längst die Metropolen der europäischen FinTech-Szene geworden. Und die Schwergewichte der Branche – allen voran der Start-up-Inkubator Rocket Internet und der Investmentfonds seiner Gründer, Global Founders Capital, mischen da mit.

Kreditech will so etwas wie das Uber der Finanzbranche werden. „Banking ist notwendig. Banken nicht“, titelt das zwei Jahre alte Start-up frech auf seiner Homepage. Ein Satz, der Microsoft-Gründer Bill Gates zugeschrieben wird. Dabei ist Kreditech eigentlich mehr ein Big-Data-Unternehmen als ein Kreditinstitut. Die Analyse von Daten ist das wichtigste Werkzeug der Gründer.

Erstes Unternehmen gekauft

Kreditech vermittelt im Internet Kleinkredite in Echtzeit, demnächst sogar per Kreditkarte am Geldautomaten. Mit diesem Geschäftsmodell macht das Start-up derzeit 55 Millionen Dollar Jahresumsatz. Verglichen mit einer herkömmlichen Bank sind das Peanuts. Doch die Wachstumsrate von 70 bis 80 Prozent im Quartal könnte das Unternehmen zu einem ernsthaften Mitbewerber herkömmlicher Kreditinstitute machen. Kreditech bezeichnet sich selbst als das schnellstwachsende Start-up für Finanztechnologien in Europa und hat vor wenigen Tagen ein erstes Unternehmen für einen Millionenbetrag gekauft, den polnischen Finanzdienstleister KontoX. Er bietet eine Onlineplattform zur Identifizierung von Kunden und eine Programmschnittstelle zu den Rechnern von Banken.

Das Besondere von Kreditech ist die Bonitätsprüfung der Kreditnehmer anhand von Datenpunkten im Internet. Zusätzlich zieht es Daten von Auskunfteien hinzu, die das Gesamtbild abrunden. Insgesamt identifiziert das Unternehmen 15.000 Datenpunkte, die von Computern innerhalb von 35 Sekunden abgefragt und zueinander in eine Relation gesetzt werden. Zudem ist der Algorithmus selbstlernend. Die Prognose der Kreditwürdigkeit eines Kunden verbessert sich dadurch praktisch automatisch.

Die Datenpunkte ergeben dann ein Bild des Kunden, das auf seine Kreditwürdigkeit schließen lässt: Das fängt mit den Verhaltensdaten auf der Produktplattform selbst an, hinzugezogen wird das Surfverhalten eines Internetnutzers und die Konfiguration des eigenen Computers. Browser-Cache und -Plugins sowie installierte Programme sagen viel über einen Nutzer aus. Welche Seiten sucht er auf und wie interagiert er mit ihnen?

Manchmal sind auch Spuren bei Amazon und Facebook spannend. Wer hat mit wem Kontakt? Wer kauft was? Kreditech analysiert Check-ins in ortsbasierten Internetdiensten: Wer hat sich wo wie lange aufgehalten? Daraus lassen sich interessante Rückschlüsse ziehen, wie Gründer Sebastian Diemer erzählt. Immobiliendatenbanken können ausgelesen werden. Gesetzlich verpflichtend ist in manchen Ländern, Fahndungslisten und teilweise auch Datenbanken der Steuerverwaltung und Sozialversicherung zu prüfen. Selbstlernende Algorithmen optimieren das System pausenlos und sorgen für eine Ausfallrate unter sieben Prozent. „So funktioniert Banking“, sagt Sebastian Diemer beim Treffen in Berlin. In neun Ländern ist Kreditech mittlerweile aktiv. Das fängt mit Mikro-Loans in Mexiko über 80 Dollar an und endet mit Krediten über 4000 Dollar in Polen.

Die Laufzeiten schwanken zwischen sieben Tagen und einem Jahr. Die Tochtergesellschaften der Kreditech Group operieren derzeit in neun Ländern als Finanzdienstleister und setzen diese Technologie ein. Diese wird in Deutschland entwickelt.

Deutschland ist uninteressant

Ziel sei es, den vier Milliarden Menschen weltweit Chancen auf einen Kredit zu geben, die keinen Zugang zu Finanzprodukten haben, sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Deshalb sei der Markt in Deutschland für Kreditech uninteressant. Das könnte aber auch an der hohen Regulierung des deutschen Finanzmarktes und den strengen Datenschutzbestimmungen liegen. Es ist kompliziert und aufwendig, eine deutsche Bankenlizenz zu erhalten.

Das Konzept scheint Investoren zu überzeugen. Kreditech sicherte sich im vergangenen Jahr eine B-Finanzierungsrunde über 40 Millionen Dollar (34 Millonen Euro) mit Värde Partners und Blumberg Capital als Hauptinvestoren. Damit wurde das Unternehmen 190 Millionen Dollar wert. Auch Global Founders Capital, der Fonds der Samwer-Brüder, ist mit einem siebenstelligen Betrag an Kreditech beteiligt. Sebastian Diemer und Oliver Samwer kennen sich bestens, sie haben vor einigen Jahren in China an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Auch der Berliner Fonds Point Nine Capital (Delivery Hero, Dawanda, Fyber) ist beteiligt.

Start-ups, die Finanztechnologien anbieten, gelten seit einigen Jahren als besonders innovativ. Doch wie nachhaltig ist das? Thomas Grota, Kenner der Start-up-Szene und Investment-Direktor der T-Venture Holding, dem Wagniskapitalgeber der Deutschen Telekom, hat eine Antwort: „Für Geschäftsmodelle mit einer niedrigen Wertschöpfungskette und anwenderorientierte Apps wird 2015 ein hartes Jahr. Hightechbasierte und multiregionale Modelle werden zu den Gewinnern zählen“, schreibt er in seinem Blog.

Schlechte Zeiten also für mobile Bezahldienste für Kreditkarten wie payleven und SumUp, die von Teilen der Transaktionsgebühren leben – zumal das Europaparlament diese auf 0,3 Prozent deckeln will. Und gut für Dienste wie Kreditech oder TransferWise, einer Onlineplattform für kostengünstige Auslandsüberweisungen, die die Erfinder des Videodienstes Skype entwickelt haben.

Und die Banken? Sie sehen ihre Kompetenzen im Risikomanagement, das auf jahrzehntelangen Erfahrungen basiert, in ihrer Diskretion und der Datensicherheit. Darin sowie im Einsatz von Datenanalytik sehen sie auch ihre Chance für die Zukunft. Doch die neuen Märkte erobern derzeit die Start-ups.