Umfrage

Geschlechterkampf im Wohnzimmer

| Lesedauer: 4 Minuten
Michael Gassmann

Frauen mögen es kuschelig, Männer eher klar strukturiert. Die Otto-Gruppe untersucht, wie die Deutschen sich daheim einrichten

Loriot wusste es schon immer: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. Das haben beide Geschlechter jetzt auch sozusagen offiziell zu Protokoll gegeben – in einer Studie von TNS Infratest, die der Morgenpost vorliegt. Es geht ums Wohnen. Eine Zweidrittelmehrheit der Frauen fühlt sich danach zu Hause erst richtig wohl, „wenn es kuschelig ist und mich viele Decken und Kissen umgeben“. Kuschel-Männer sind in der Minderheit. Nur jeder Dritte möge es plüschig, fanden die Konsumforscher heraus. Jeder Zweite stimmte in der Umfrage, auf der die Studie basiert, vielmehr der Aussage zu, ihm behage ein „klar strukturiertes Wohnumfeld“. Die Herren haben es mit Bücher- und Schrankwänden. „Männer und Frauen brauchen unterschiedliche Aspekte in der Einrichtung, um sich wohlzufühlen“, sagt Studienautor Joachim Bacher.

Zu der naheliegenden Frage, wie Millionen von Paaren es trotzdem schaffen, dauerhaft in denselben vier Wänden zu leben, bietet die Untersuchung immerhin einen Erklärungsansatz: Frauen sind offenbar entscheidungsstärker. Sie schaffen kurzerhand an, was ihnen gefällt, und machen es dem Partner eben später schmackhaft. Jedenfalls erklärten 23 Prozent der weiblichen, aber nur fünf Prozent der männlichen Befragten, sie entschieden ganz allein über Möbelkäufe. Gut für die Partnerschaft: Die Männer bemerken den Trick selten. Nur jeder Zwanzigste hat das Gefühl, die Partnerin entscheide für sie mit. Eine schlichte, aber valide Erklärung für die alltägliche Symbiose von Kuschelecke und Bücherwand bietet der Psychologe Uwe Linke: Beide Wohntypen lägen an entgegensetzten Polen der Wohlfühlskala: „Und natürlich ziehen die sich ja auch magisch an“, lässt er sich in der Studie zitieren.

Die im Auftrag des Versenders Otto erstellte „Wohnstudie 2015“ erhebt den Anspruch, die Wohn- und Einrichtungssituation der Deutschen in einer bisher nicht gekannten Tiefe auszuleuchten. Zunächst befragten die Konsumforscher dafür im Herbst 2014 ein halbes Dutzend Experten, führten anschließend Tiefeninterviews mit Verbrauchern und erstellten auf dieser Basis im November eine repräsentative Befragung mit gut 1330 Verbrauchern, die sie in sieben Gruppen gliederten vom „Jungen Single“ bis „Empty Nester“ – Soziologendeutsch für Paare, deren erwachsene Kinder nicht mehr im Elternhaus wohnen.

Das nach Amazon zweitgrößte Onlinehaus Deutschlands will die Untersuchung nutzen, um deutlich stärker in den Möbelversand einzusteigen. „Unser erklärtes Ziel im Bereich Möbel und Einrichten ist es, bis 2016 zusätzlich Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe zu generieren“, erklärte Bereichsvorstand Michael Heller. Es wäre ein Quantensprung. Bisher entfällt ein Viertel des Otto-Umsatzes im Online- und Kataloggeschäft von 1,88 Milliarden Euro (2013) auf das Thema Einrichten, also knapp 500 Millionen Euro.

Mit seinen Wachstumsplänen im Onlinemöbelhandel steht Otto nicht allein da. Das Segment gilt nach Bekleidung, Büchern und Unterhaltungselektronik als nächstes großes Ding im Internetgeschäft mit Endkunden. So scheint die Ausgabebereitschaft fürs Wohnen relativ unabhängig von Konjunkturschwankungen. Dem Wohlfühlambiente zu Hause räumen Konsumenten höchste Priorität ein. Es ist ihnen laut Umfrage sogar deutlich wichtiger als etwa ein regelmäßiger Urlaub, modische Kleidung, das neueste Smartphone oder ein tolles Auto.

Preis nicht so wichtig

Bei Möbeln schauen die Verbraucher offenbar nicht so aufs Geld. Der Preis sei durch alle Bevölkerungsgruppen nur jedem zweiten Befragten wichtig, ermittelte TNS Infratest. Mehr Wert legten die Möbelkäufer darauf, dass ein neues Interieur gut aussehe, ordentlich funktioniere und lange halte.

Als Vorteile des Kaufs am Laptop empfinden die Konsumenten nach der Befragung zwar die größere Bequemlichkeit, Vielfalt und bessere Vergleichbarkeit. Doch der Wochenendausflug ins Möbelhaus ist immer noch die wichtigste Inspirationsquelle, wenn es um Anschaffungen geht. Im Netz, so die gängigsten Einwände der Kunden, sei die Qualität schlecht zu beurteilen, man könne die Möbelstücke nicht anfassen, zudem sei die Rückgabe zu aufwendig. Derlei Bedenken versuchen Otto und andere auszuhebeln. Man könne mit Services wie der Zulieferung von Materialmustern, kostenloser Lieferung und der Rückgabe ohne Originalverpackung arbeiten, schlagen die Autoren der „Wohnstudie 2015“ vor.