Konjunktur

Euphorie der Wirtschaft verfliegt

In einer Umfrage rechnen die Verbände im Jahr 2015 nur noch mit leichten Zuwächsen

Die Zeichen für die deutsche Wirtschaft stehen zum Jahreswechsel günstig: Die Konjunkturexperten in den Instituten haben zuletzt reihenweise ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr nach oben korrigiert. Trotzdem herrscht in den Unternehmen nicht eitel Sonnenschein. Die deutsche Wirtschaft blickt zwar optimistisch auf das kommende Jahr – aber nicht euphorisch. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des von der Privatwirtschaft finanzierten Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) unter den 48 maßgeblichen Unternehmensverbänden hierzulande.

Die Wirtschaft ist längst nicht mehr so gut gelaunt wie vor dem vergangenen Jahreswechsel. Die Partylaune von Anfang 2014 ist verflogen und die Stimmung in den Verbänden hat sich seither merklich abgekühlt.

Maschinenbauer optimistisch

Deutschlands Maschinenbau, eine der tragenden Säulen der deutschen Exportwirtschaft, leidet zwar unter der Investitionsschwäche in Deutschland und der Russland-Ukraine-Krise. Dennoch rechnet der Verband mit einem Produktionsplus – angetrieben durch Impulse aus dem Ausland wie China und den USA.

In immerhin 20 Branchen ist die Stimmung allerdings schlechter als noch zu Beginn des Jahres. Nur sieben Verbände melden, dass sich die Laune in den Chefetagen seit Beginn des Jahres verbessert hat: Dazu gehören Werften, aber auch die Glas- sowie die Papierindustrie. Ausgerechnet im Gastgewerbe, das lange gegen den im Januar 2015 in Kraft tretenden Mindestlohn gekämpft hat, sind die Chefs besser gelaunt als noch vor Jahresfrist.

Die verhaltene Stimmung überrascht, geht die Wirtschaft doch mit starkem Rückenwind ins neue Jahr: Der stark gesunkene Ölpreis wirkt für die deutsche Industrie wie ein kleines Konjunkturprogramm. Die niedrigen Energiepreise sorgen dafür, dass die Unternehmen billiger produzieren können und die Verbraucher mehr Geld zum Ausgeben haben.

Zudem profitieren die Firmen hierzulande weiterhin von den historisch niedrigen Zinsen in der Euro-Zone. Diese positivere Grundstimmung schlägt sich zunächst auch in der Verbandsumfrage des IW Köln nieder: Fast die Hälfte der befragten Verbände erwarten beispielsweise, dass ihre Mitgliedsfirmen 2015 mehr produzieren und verkaufen werden als im laufenden Jahr.

In all diesen Fällen gehen die Gruppierungen aber nur von etwas höheren Umsätzen oder Gewinnen aus. Wesentliche Verbesserungen erwartet demnach keine Branche. Allerdings rechnen vier Verbände damit, dass in ihren Branchen in den kommenden Monaten die Umsätze beziehungsweise Gewinne sinken werden. Die Bergbauunternehmen gehören dazu, aber auch Banken und Versicherungen rechnen mit einem negativeren Ergebnis.

Die Finanzbranche leidet vor allem unter den weiterhin geringen Investitionen in Deutschland, dem extrem niedrigen Leitzins und den schärferen gesetzlichen Regeln für die Branche, die auf den Unternehmen lasten.

In Erwartung besserer Geschäfte wollen Manager im kommenden Jahr auch mehr Geld in Maschinen, Fuhrparks und Gebäude stecken. In der Mehrheit der Branchen sollen die Investitionen ungefähr auf dem Niveau des laufenden Jahres bleiben, 15 Verbände gehen davon aus, dass ihre Mitgliedsunternehmen mehr Geld in neue Ausrüstung investieren werden, und nur in sechs Branchen deuten sich sinkende Investitionen an.

Der derzeit noch vorhandene Grundoptimismus in der Wirtschaft ist auch eine gute Nachricht für Arbeitnehmer: 36 Verbände, und damit die überwältigende Mehrheit, rechnen damit, dass die Beschäftigung in ihren Branchen stabil bleiben wird oder dass die Mitgliedsunternehmen sogar neue Mitarbeiter einstellen. Nur in zwölf Branchen dürften im kommenden Jahr Arbeitsplätze wegfallen. Dazu gehören etwa die Stahlindustrie und vor allem die Bank- und Versicherungswirtschaft, wo die Firmen auf die höheren Kosten mit dem Abbau von Arbeitsplätzen reagieren dürften.

Dass die Wirtschaft trotz dieser positiven Grundtendenzen nur verhalten optimistisch ist, liegt nach Einschätzung des IW Köln daran, dass die Unternehmen verunsichert sind und dem Frieden nicht trauen. „Noch sind viele Auftragsbücher gefüllt“, sagt IW-Direktor Michael Hüther, „doch die Unternehmen sehen zunehmend die Risiken, die aus der internationalen und nationalen Politik resultieren.“

Nach Einschätzung des Instituts belaste unter anderem die als unternehmensfeindlich wahrgenommene Politik der Bundesregierung die Stimmung. Beispielhaft werden dafür Entscheidungen wie die Einführung des Mindestlohns und andere Politikentscheidungen angeführt, gegen die sich die Unternehmen lange gewehrt haben.

Kritische weltpolitische Lage

Auch das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, das die Ausnahmen für Firmenerben bei der Erbschaftsteuer für teilweise unzulässig erklärt hat, dürfte die Stimmung in den Unternehmen verschlechtern – auch wenn die Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft vor dem Spruch des Verfassungsgerichts durchgeführt wurde. Zudem blicken die Manager mit Sorge auf die weltpolitische Lage, insbesondere auf die Situation in der Ukraine und die Entwicklung in der Euro-Zone. Erst die jüngsten Marktturbulenzen rund um Griechenland haben außerdem gerade wieder deutlich gemacht, wie fragil die Lage innerhalb der Währungsunion auch mehr als fünf Jahre nach Ausbruch der Euro-Krise weiterhin ist.