Finanzierung

Mindestlohn vernichtet Praktikumsplätze

Firmen verzichten auf Hospitanten, weil sie ihnen jetzt 8,50 Euro pro Stunde zahlen müssen

Philip Niemann ist jung, Akademiker und spricht drei Fremdsprachen. Ab Januar hat er keinen Job, doch ängstlich war er deswegen nie. Der Geisteswissenschaftler dachte bis vor wenigen Tagen, er würde eine dreimonatige Hospitanz bei einem norddeutschen Zeitungshaus beginnen, schließlich sei nur so der Einstieg in den Verlag möglich. „Wer einen Job in den Medien will, muss Praxiserfahrung nachweisen“, sagt der Berliner. Doch dann erhielt der 26-Jährige eine E-Mail: „Sehr geehrter Herr Niemann, gerade erfahre ich aus unserer Personalabteilung, dass wir Praktikanten, die nicht immatrikuliert sind, fortan einen Mindestlohn bezahlen müssen.“ Deshalb würde er das Budget für das kommende Jahr leider sprengen. 500 Euro hätten sie ihm gezahlt.

Niemann bewirbt sich weiter, hat eine Bekannte, die in einem Berliner Medienunternehmen in der Personalabteilung arbeitet. Doch auch hier erhält er eine Absage. Bis Ende Dezember sind 15 Prozent der Beschäftigten in dem Verlagshaus Praktikanten. Ab Januar werden ihre Verträge aufgelöst – es wird keine Praktikanten mehr geben. „Wir waren bereit, unseren Praktikanten monatlich 800 Euro zu zahlen. 1500 Euro können wir jedoch nicht zahlen“, erklärt ein Sprecher. Für das bestehende Personal befürchtet er einen ernst zu nehmenden Mehraufwand.

Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung werden hierzulande jährlich 600.000 Praktika in 300.000 Unternehmen absolviert. Und die werden ab Januar wie Arbeitsverhältnisse behandelt. Wer freiwillig länger als drei Monate hospitiert, dem hat der Arbeitgeber einen Mindestlohn von stündlich 8,50 Euro zu zahlen. Für unter 18-Jährige ohne Berufsabschluss, Auszubildende und Studenten mit Pflichtpraktika gilt der Mindestlohn hingegen nicht. Bei einer 40-Stunden-Woche muss ein Praktikant jetzt also monatlich mindestens 1473 Euro brutto erhalten – für den Arbeitgeber kommen weitere Lohnnebenkosten hinzu.

Personalverantwortliche zögern

In einer aktuellen Studie untersuchte der Branchenverband GWA die Auswirkungen des Mindestlohns für Praktikanten in Kommunikationsagenturen. 65 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, zukünftig weniger Praktikanten einstellen zu wollen. Auch Praktikumsportale bemerken eine Veränderung. „Viele Personalverantwortliche sind zögerlich und wollen erst mal abwarten, bevor sie neue Praktikanten einstellen“, erklärt Maik Eller, Teamleiter des Portals www.meinpraktikum.de. Grund für diese Unsicherheit seien die oft unvollständigen Informationen über die exakten Regelungen des Mindestlohns für die Praktikanten.

„Viele Unternehmen sind sich über den Umgang mit der neuen Situation noch nicht ganz sicher. Einige Firmen versuchen, Praktika als Volontariate oder Trainee-Programme zu deklarieren, um beim Lohn mehr Spielraum zu haben“, beobachtet Daniel Furth, Pressesprecher der Absolventa GmbH. Die Jobbörse vermittelt Studenten, Absolventen und Young Professionals. Zumindest Großunternehmen würden keine Stellen streichen – dank des finanziellen Hintergrunds könnten sie den Mindestlohn problemlos zahlen. So zahlte Nestlé seinen Praktikanten bisher monatlich bis zu 1000 Euro. Ab Januar erhalten alle 200 Praktikanten knapp 1500 Euro, Stellen werden keine abgebaut. Vorläufig. Was 2016 passiert, weiß auch dort noch niemand. Dass der Mindestlohn der Start-up-Branche gar schadet, davon ist der Bundesverband Deutsche Start-ups überzeugt. Aus Sicht des BVDS werden die meisten Start-ups nicht in der Lage sein, den „Auszubildenden der digitalen Wirtschaft“ einen Lohn von 1500 Euro zahlen zu können. „Insbesondere Praktika kompensieren den Mangel an Studien- und Ausbildungsgängen in der digitalen Wirtschaft“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des BVDS, Sascha Schubert. Zukünftig werden deutsche Start-ups ins europäische Ausland abwandern, beispielsweise nach Polen oder Spanien. „Die Kosten des Mindestlohns fressen fast das gesamte deutsche Venture Capital auf“, so Schubert. Deutschland verliere im digitalen Wettlauf so weiter an Boden.

Roy Uhlmann, Gründer des Adtech-Start-ups apeary.com, erklärt den Trend: „Die Branche leidet unter der verfehlten Bildungspolitik für die Digitalindustrie, dieses gleichen wir durch die Wissensvermittlung während eines Praktikums aus. Aufgrund des Mindestlohns werden wir jedoch statt Absolventen künftig nur noch erfahrene Mitarbeiter einstellen.“ Für Uhlmann bedeutet das nicht, dass er vom Hauptstandort Berlin Mitarbeiter abziehen will. Am 19. Dezember endeten zwar die Beschäftigungsverhältnisse von 13 Praktikanten, doch elf von ihnen werden vom Unternehmen übernommen – und übertariflich bezahlt.