Gesundheit

Startschuss zum Kassen-Hopping

Ab 2015 dürfen gesetzliche Krankenkassen mit niedrigen Beiträgen um Mitglieder werben

Der Wettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen wird im nächsten Jahr härter. Und damit – so dürfen Bürger hoffen – die Prämien niedriger und die angebotenen Leistungen besser. Weil der allgemeine Beitragssatz ab Januar von 15,5 auf 14,6 Prozent absinkt, darf ab nächstem Jahr jeder Anbieter zum Ausgleich einen neuen Zusatzbeitrag verlangen. Dessen Höhe ist abhängig von der persönlichen Finanzlage der jeweiligen Kasse.

Die ersten der insgesamt 131 Kassen haben ihre Berechnungen jetzt offengelegt. Ein Überblick zeigt: Die meisten verlangen weniger als 0,9 Prozentpunkte Aufschlag und liegen damit knapp, manche gar deutlich, unter den aktuellen 15,5 Prozent Beitrag. Das bedeutet: Millionen Versicherte können sich auf billigere Prämien freuen. Bestenfalls sind bis zu zwei Dutzend Euro Ersparnis im Monat drin, wie Thomas Adolph, Geschäftsführer des Online-Vergleichsportals gesetzlichekrankenkassen.de vorrechnet.

Zusatzbeiträge sind erlaubt

Der Anreiz, sich wie bei der Autoversicherung künftig wieder den günstigsten Anbieter herauszupicken und zu wechseln, dürfte 2015 auf jeden Fall steigen. Je nach persönlichem Einkommen könnte der Unterschied zwischen preiswerten und teuren Krankenkassen künftig mehrere Hundert Euro pro Jahr betragen.

Bis spätestens Silvester haben auch die restlichen Kassen noch Zeit, ihre jeweiligen Prozentsätze bekannt zu geben – und sich zugleich im Konkurrenzkampf mit den anderen zu positionieren. Rund elf Milliarden Euro Finanzierungslücke haben die gesetzlichen Krankenkassen für 2015 verkündet. Daher komme kaum eine Kasse an einem Extra-Beitrag vorbei, sagt Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbands. Klar ist: Die Zeiten, in denen wirtschaftlich gut aufgestellte Kassen ihren Mitgliedern noch üppige Prämien von bis zu 120 Euro und mehr allein fürs Dabeisein zahlten, wie dieses und vergangenes Jahr der Fall, sind vorbei. Tatsächlich hat bislang nur ein einziger, kleiner regionaler Anbieter, die Metzinger BKK, offiziell angekündigt, auf jeglichen Zusatzbeitrag in 2015 zu verzichten und sich auf das Minimum von 14,6 Prozent zu beschränken.

Wer also in Baden-Württemberg lebt, jährlich 49.500 Euro brutto verdient und nächstes Jahr mit 15,5 Prozent zur Kasse gebeten wird, könnte sich durch einen Wechsel jährlich 445,50 Euro sparen. Der kleine Schönheitsfehler: Wer nicht in Baden-Württemberg lebt, wird in der regionalen Kasse nicht aufgenommen.

Die Nase vorn im Rennen um den niedrigsten Zusatzbeitrag haben drei weitere, rein regionale Anbieter: Die AOK Sachsen-Anhalt, die AOK plus in Sachsen und Thüringen sowie die BKK MEM. Alle drei geben sich mit dem moderaten Aufschlag von 0,3 Prozent zufrieden. Ihre Finanzlage gibt es offensichtlich her, dass sie ihre Versicherten künftig mit insgesamt 14,9 Prozent zur Kasse bitten. „Die günstigeren Behandlungskosten in Ostdeutschland bei vollem Zuschuss aus dem Risiko-Strukturausgleich machen es wohl möglich“, erklärt Thomas Adolph, Geschäftsführer von gesetzlichekrankenkassen.de.

Zu den günstigsten bundesweit offenen Kassen dürfte die hkk zählen. Sie bleibt mit dem Aufschlag von 0,4 Prozentpunkten deutlich unter dem Branchenschnitt und verlangt von ihren Versicherten künftig 15,0 Prozent Beitrag. Bei einem Bruttogehalt von 3000 Euro im Monat ist bei einem Wechsel aus der mit 15,5 Prozent bislang teuersten Versorgung eine Ersparnis von 180 Euro jährlich oder 15 Euro monatlich drin. Beim größten deutschen Anbieter, der Techniker Krankenkasse (TK), ist die wirtschaftliche Lage offenbar nicht ganz so rosig. Der Branchenriese hat sich auf einen Extra-Beitrag von 0,8 Prozent festgelegt. Jede Kasse, die es vermeiden könne, werde zum 1. Januar keinen Zusatzbeitrag über 0,9 Prozent verlangen, hatte Jens Baas, Vorstandschef der TK, im Vorfeld erklärt. Für die meisten Kassen ist es mit Blick auf den neu entfachten Konkurrenzkampf wichtig geworden, im Vergleich mit anderen nicht schlechter abzuschneiden. Bei der 0,9-Prozent-Marke haben sich unter anderem viele BKKs sowie die DAK-Gesundheit positioniert.

Das Dilemma: Ist der eigene Beitrag für 2015 zu hoch, laufen die Mitglieder womöglich scharenweise zu billigeren Anbietern davon. Ist er zu niedrig, müssen Reserven aufgelöst und Leistungen gekürzt werden. „Wir erwarten, dass der Preiswettbewerb jetzt stark anzieht“, sagt Wolfgang Schütz, Geschäftsführer von Verivox.

Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts „Heute und Morgen“ waren im Sommer 6,3 Millionen Kassenmitglieder geneigt, ihren Anbieter zu wechseln. Was für Kassenpatienten jetzt wieder zählt, ist der neue Zusatzbeitrag und die Frage: Wie hoch fällt er wo aus? „Wir haben Sorge, dass die Zusatzbeiträge noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht haben, sondern weiter steigen“, sagt Daniela Hubloher, Gesundheitsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen.

Auch TK-Chef Baas hält Beitragsanhebungen auf breiter Front für realistisch, und zwar um 0,25 Prozentpunkte jährlich. „Wir wären 2017 dann rein rechnerisch bei einem Beitragssatz von 16 Prozent“, so seine Prognose. Auch Experte Adolph ist überzeugt, dass die Beiträge auf Dauer anziehen: „Die Kosten im Gesundheitswesen werden stärker steigen als die allgemeinen Lebenshaltungskosten.“ Die Möglichkeit, den Joker eines Zusatzbeitrags zu ziehen, sollten sich Finanzlücken auftun, war schon 2009 zusammen mit dem Gesundheitsfonds eingeführt worden.

Der Wechsel ist ganz leicht

Wer in nächster Zeit Post von seiner Krankenkasse bekommt, kann sich – sofern er auf eine günstigere Kasse umsatteln will – auf ein Sonderkündigungsrecht berufen, wie Marini erläutert. Das bedeutet: Wer im Dezember die Information erhält, dass ab 1. Januar 2015 ein Zusatzbeitrag fällig wird, kann bis Ende Januar kündigen und einen anderen Anbieter suchen. Die Mitgliedschaft endet dann zum 31. März, die neue beginnt am 1. April nächsten Jahres.

„Der Beitrag ist ein Argument für den Kassenwechsel, aber nicht alles“, so Hubloher. Ihr Rat: Wer bislang mit der Leistung seiner Kasse zufrieden war, sollte nicht unbedingt wegen 0,1 Prozent Zusatzbeitrag mehr oder weniger wechseln. Viele gesetzliche Versicherer bieten spürbar mehr für den Beitrag als andere. Angefangen bei Zuschüssen für Brillen, Zahnreinigung, Osteopathie, alternative Medikamente über Haushaltshilfen bei schwerer Krankheit, Gratis-Abnehmkurse und –Impfungen bis zu schnelleren Arztterminen. Mithilfe von Online-Rechnern wie gesetzlichekrankenkassen.de oder verivox.de lassen sich der persönliche Beitrag und damit die Ersparnis kostenfrei berechnen.